Mit unwiderstehlicher Bühnen-Erotik

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Helmuth Lohner als Jedermann, hier mit Sunnyi Melles (Buhlschaft) und Erich Schellow (Tod) in Salzburg. F: Istvan Bajzat/  dpa

Nachruf auf den großen österreichischen Schauspieler Helmuth Lohner – Er starb in der Nacht auf Dienstag im Alter von 82 Jahren. VON SABINE DULTZ.

Ward nach ihm je so ein Schiller’scher Ferdinand gesehen? Kann man sich einen anderen Liliom denken als ihn? Was schon ist eine Nestroy-Aufführung, ein „Talisman“ oder ein „Lumpazivagabundus“ ohne seine Mitwirkung? Und hätte Sunnyi Melles je eine so berühmte Buhlschaft sein können, wenn nicht er ihr Jedermann gewesen wäre? Helmuth Lohner war einfach alles. Gestern ist der am 24. April 1933 als Sohn eines Schlossers geborene Schauspieler nach schwerer Krankheit in seiner Heimatstadt Wien gestorben.

Kürzlich erst wurde im Fernsehen der von Hans-Jürgen Syberberg 1965 gedrehte Film noch einmal gezeigt, in dem Fritz Kortner an den Münchner Kammerspielen „Kabale und Liebe“ probt, und zwar die Limonadenszene des fünften Akts – mit Christiane Hörbiger als Luise und Helmuth Lohner als Ferdinand. Er ist da 32 Jahre alt. Die Unbedingtheit im Hass, die Schüchternheit in der Liebe, das Rasende und das Ruhende, der Zynismus und die Zärtlichkeit – das alles und viel mehr noch vereinigt der Schauspieler in dieser Szene. Und wer heute Theater in die Kategorien „modern“ oder „unmodern“ einteilt, wird bei dieser Kortner-Probe eines Besseren belehrt. Lohners Ferdinand entzieht sich jeglicher Klassifizierung. Lohner ist und war so heutig, so zeitgenössisch wie in all seinen anderen Rollen auch, zu denen an den Münchner Kammerspielen auf besonders markante Weise 1966 der Strizzi Alfred in den „Geschichten aus dem Wiener Wald“ gehört.

Aber es hielt diesen Hochbegabten nicht lange in München. Nachdem er schon als 22-Jähriger, 1955, im Residenztheater den Zwirn in „Lumpazivagabundus“ gegeben hatte und zehn Jahre darauf durch die Rollen an den Kammerspielen sich in die erste Reihe der Jungschauspieler katapultiert hat, zog es ihn in die weite, freie Theaterwelt. Filme hatte er ohnehin schon gedreht, darunter 1965 den „Radetzkymarsch“, 1955 „Hotel Adlon“, 1958 „Das Wirtshaus im Spessart“. Die Salzburger Festspiele kamen ohne Helmuth Lohner gar nicht aus. Tod, Teufel und Jedermann; Titus Feuerfuchs und Bleichenwang; Hofreiter in „Das weite Land“ und Stephan von Sala in „Der einsame Weg“. Wie geschaffen war dieser Schauspieler mit dem ewig jungenhaften Gesicht für die zerrissenen Figuren, die so proletarisch wie aristokratisch gleichermaßen waren und immer auch voller Geheimnis. Jede Figur eine Mischung aus Nörgler und Grandseigneur, aus Komödie und Tragödie. Und stets getragen von Lohners ganz besonderem Charme, von einer Bühnen-Erotik, die keinen Zweifel daran lässt, dass Shakespeares verkrüppelter Richard die junge Witwe Anne mühelos in sein Bett bekommen wird.

Und doch war Helmuth Lohner immer ein zurückhaltender Darsteller, nie eitel oder sich vordrängend. Da war immer das Gefühl der Distanz, des Zweifels. Gerade das machte ihn zu einem der spannendsten Schauspieler unserer Zeit. Im Wiener Theater in der Josefstadt, dem er sich besonders verpflichtet fühlte und das ihm die letzten 20 Jahre künstlerische Heimat war – von 1997 bis 2006 war er dort auch Direktor –, spielte er seine letzte Rolle. Von schwerer Krankheit bereits gezeichnet, war er im vergangenen Jahr in Hans Neuenfels’ Inszenierung von Heiner Müllers „Quartett“ als Vicomte Valmont zu sehen. Eine in ihrer von Lohner’scher Bitternis unterlegten Vielschichtigkeit und Decadence kaum zu überbietende Figur. Ein grandioser Lebensabgesang.

Trauer trägt nun die ganze Stadt Wien, die wie keine zweite ihre Schauspieler auf einzigartige Weise liebt.

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