UTA WERLICH ÜBER DIE AUFGABE ALS LEITERIN DES MÜNCHNER MUSEUMS FÜNF KONTINENTE, EINEN NEUEN NAMEN UND RAUBKUNST

„Unsere Sammlung ist ein Schatz“

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WWW"„Ethnologische Museen sind in der Vergangenheit bei der Ausstellungspräsentation der Entwicklung hinterhergehinkt“, sagt Uta Werlich in unserem Gespräch. Als neue Direktorin des Münchner Museums Fünf Kontinente will sie das ändern. Foto: Klaus Haag

„Inzwischen gehe ich im Museum nicht mehr verloren“, sagt Uta Werlich und lacht – doch brauche sie noch Zeit, um sich „intensiv in alle Bereiche einzuarbeiten“.

Wie berichtet, ist Werlich, die zuvor am Stuttgarter Linden-Museum arbeitete, die neue Direktorin im Museum Fünf Kontinente an der Münchner Maximilianstraße. Wir trafen die promovierte Sinologin und Ethnologin, die 1970 geboren wurde, zum Gespräch.

-Mit welchen Erwartungen sind Sie nach München gekommen?

Ich bin sehr offen – und habe es als positiv empfunden, dass ich dieses Haus vorher nicht sehr gut gekannt habe. Dadurch konnte ich unbefangen starten. Es ist eine große Ehre, das älteste ethnologische Museum Deutschlands leiten zu dürfen. Es ist aber auch eine Herausforderung. Daher hoffe ich, dass ich für das Haus starke Partner finden kann – auf politischer Seite, aber auch aufseiten des Mäzenatentums.

-Mehr Geld – und alle Sorgen sind weg?

Die finanzielle Unterstützung hat das Museum dringend nötig. Mir ist aber bewusst, dass wir das Haus stärker in der Stadtgesellschaft positionieren müssen, als das momentan der Fall ist. Gerade durch die Umbenennung in Museum Fünf Kontinente ist es schwierig, uns zu verorten.

-Bis 2011 hieß das Haus Staatliches Museum für Völkerkunde. War die Umbenennung ein Fehler?

Viele ethnologische Museen sind diesen Schritt gegangen. Ich sehe den Namen Museum Fünf Kontinente durchaus kritisch. Aber ich bin erst am Beginn der Denkphase, ob wir damit weiterarbeiten oder den Namen modifizieren. Aber ja, die Umbenennung hat dazu geführt, dass man heute mit dem Museum wenig anfangen kann. Das ist immer so, wenn Sie ein arriviertes Produkt umbenennen.

-Sie möchten das Haus in der Stadt künftig stärker vernetzen...

Nicht nur. Ich möchte auch zu einem intensiveren Austausch mit den Ländern kommen, aus denen unsere Sammlungsstücke stammen.

-Bleiben wir noch kurz bei der Wahrnehmung des Hauses. Fühlen Sie sich von der Politik alleingelassen?

Ich habe schon das Gefühl, dass der Rückhalt im Ministerium gegeben ist. Aber in der Tat ist es so, dass ethnologische Museen hinter den großen Kunstmuseen anstehen. Leider. Generell werden ethnologische Häuser nicht so wahrgenommen, wie sie es verdient hätten.

-Wie ändert man das?

Wir müssen stark die Werbetrommel schlagen für das, was wir haben. Wir müssen vermitteln, dass unsere Sammlung ein Schatz ist, mit dem wir arbeiten können – und der Experten aus der ganzen Welt nach München lockt.

-Das Publikum besteht nicht nur aus Fachleuten...

Die Ausstellungspraxis ist das andere wichtige Thema. Die ethnologischen Museen sind in der Vergangenheit bei der Ausstellungspräsentation der Entwicklung hinterhergehinkt. Deshalb gelten sie sehr oft als altbacken.

-Wie sieht die ideale Ausstellung aus?

Wie in den Kunstmuseen müssen auch die ethnologischen Häuser ihre Präsentationen mit Architekten und Szenografen dicht inszenieren. Das möchten Besucher heute. Aber das ist sehr kostenintensiv.

-Wo hapert es noch?

Im digitalen Bereich. Auch den kann man in Ausstellungen integrieren; das wäre wünschenswert. Aber das ist ebenfalls eine Frage des Geldes – solange das nicht da ist, muss man wieder auf die Minimallösung zurückkommen: Text auf Tafel. (Lacht.)

-War das jetzt der Aufruf an die Politik, das Budget zu erhöhen?

Auf jeden Fall. Dieses Haus muss besser finanziert werden. Ich kenne die Situation in Baden-Württemberg, dort sind die Häuser finanziell hervorragend ausgestattet. Es wäre schön, wenn in Bayern die Situation ähnlich wäre. Es ist aber nicht nur der Wunsch an die Politik, sondern auch an andere Partner. Unser Haus hat einen sehr engagierten Freundeskreis, der gerne erweitert werden kann.

-Viele Museen bespielen die Sozialen Netzwerke. Ist das Pflicht für zeitgemäße Museumsarbeit?

Ja. Ich finde es ganz wichtig, dass wir diese Kanäle nutzen. Hier im Haus sind das Instagram und Facebook. Das sind wichtige Plattformen zur Kommunikation mit Besuchern. Ein anderer wichtiger Punkt ist die Digitalisierung unseres Bestands, sodass jeder online einen Blick in unsere Depots werfen kann – doch dafür braucht es Personal und Budget.

-Die Raubkunstdebatte hat die ethnologischen Museen erreicht.

Dass dieser Bereich heute eine so große Aufmerksamkeit erfährt, ist eine große Chance. Vielleicht bekommen die Häuser darüber neue Stellen, eine bessere Finanzierung, sodass langfristige Planung möglich ist. Das wäre wünschenswert.

-Sollten Ausstellungsstücke, die etwa in der Kolonialzeit unrechtmäßig nach Deutschland kamen, von den Museen zurückgegeben werden?

Wir sind dialogbereit, wenn es um die Rückgabe von Raubgut geht. Aber letzten Endes sind es nicht die Museen, die über eine mögliche Restitution entscheiden, sondern ist es immer der Träger – in unserem Fall der Freistaat.

-Falls es zur Rückgabe eines Objekts kommt, kann es sein, dass es im Herkunftsland konservatorisch nicht so betreut wird, wie es notwendig wäre, um es zu erhalten. Wäre es nicht eine Form von Rassismus zu sagen, die Herkunftsgesellschaften können ein Werk nicht wertschätzen – deshalb ist es in einem europäischen Museum besser aufgehoben?

Da stimme ich Ihnen absolut zu. Wenn man sich zur Rückgabe eines Raubguts entscheidet, sollte man das ohne Wenn und Aber tun. Selbst wenn der rechtmäßige Besitzer sagt „Ich möchte mir das zu Hause ins Regal stellen“ oder „Ich verschrotte das“ ist es nicht an uns, das zu beurteilen oder die Entscheidung davon abhängig zu machen.

-Manche Museums-Chefs sorgen sich, ihr Haus könnte an Attraktivität verlieren, wenn Raubkunst zurückgegeben wird.

Die Frage ist, ob Besucher das überhaupt wahrnehmen würden. Sammlungen sind für Museen Ressourcen – und deshalb spielt bei manchen Direktoren die Angst mit, bedeutungslos zu werden, wenn sie ein prestigeträchtiges Objekt zurückgeben. Diese Angst überlagert aber die Chancen, die sich vielleicht aus einer berechtigten Rückgabe – und dem damit verbundenen Dialog mit Vertretern der Herkunftsgesellschaften – entwickeln können.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

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