Die Unersetzlichen

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Von Simone Dattenberger. Wir wissen, was die beiden jungen Männer, der Bayer Marc und der Rheinländer Macke, nicht wissen konnten, dass ihre Freundschaft nur vier kurze Jahre währen sollte.

Wir wissen, dass diese vor Leidenschaft für die Malerei, für eine Kunst der Zukunft sprühenden Bilder von lebendurchpulsten Menschen – ja, man muss es so sagen – im Angesicht des Todes gemalt wurden. 1914 stehen Franz Marc und August Macke an der Westfront. Und schon im Herbst muss der Münchner Marc den Nachruf auf seinen Freund schreiben. Wenige Wochen vorher erklärt er seiner Frau Maria brieflich, noch sei er zu erschüttert, um überhaupt eine Zeile formulieren zu können. Am 25. Oktober hat er seinen tief empfundenen „Epilog“ auf dieses Künstlerleben geformt: „Im Kriege sind wir alle gleich. Aber unter tausend Braven trifft eine Kugel einen Unersetzlichen. Mit seinem Tode wird der Kultur eines Volkes eine Hand abgeschlagen, ein Auge blind gemacht.“

Franz Marc (1880–1916) hatte selbst erfahren, wie hilfreich Macke (1887–1914) sein konnte. Das unterstreicht Annegret Hoberg, die Expertin im Lenbachhaus für die Künstlergruppe Der Blaue Reiter – und in dieser Funktion prägend für die Reputation der Städtischen Galerie. In Sachen Blauer Reiter ist sie global die maßgebliche Institution. Die Konservatorin verantwortet zusammen mit Volker Adolphs vom Kunstmuseum Bonn die Schau in München, deren Medienpartner unsere Zeitung ist. Eine imposante Schau von rund 200 Werken ist zusammengekommen. Es handelt sich vor allem um Gemälde, aber auch um Aquarelle, Grafiken, Zeichnungen inklusive der Blätter von Marcs „Skizzenbuch aus dem Felde“ sowie um Briefe, Karten und kleine Geschenke der Freunde kunsthandwerklicher Natur.

Marc habe in seinem Münchner Atelier „eher unbefriedigt so vor sich hin gemalt“, schmunzelt Hoberg, als ihn im Januar 1910 ein junger Kerl besuchte. „August Macke hat Franz Marc den Mut zur Farbe gegeben“, erklärt sie. Wassily Kandinsky trat erst ein Jahr später in Marcs Leben – als zweiter Farb-Pate gewissermaßen. Und als Denker, der mit dem Bayern auf einer Linie lag, was das „Geistige in der Kunst“ anging. Und genau das war für Franz Marc das absolut Bestimmende in seinem Denken.

Die Präsentation im Kunstbau (im Zwischengeschoss der U-Bahnstation Königsplatz) erzählt freundlich, chronologisch, undogmatisch und mit charmant dezenter Didaktik von dieser Künstlerfreundschaft als einem ästhetischen und einem menschlichen Ereignis. Deswegen stehen am Anfang des Rundgangs, der von der Station „Erste Begegnungen“ bis hin zu der Abteilung „Bilder vor dem Krieg“ führt, die wichtigsten Mitwirkenden dieses kurzen Leben-Spiels: die beiden Männer, ihre Gefährtinnen Maria und Elisabeth, die sie lange überlebten und klug den Nachlass bewahrten, sowie der wunderbar hilfreiche Mäzen Bernhard Koehler. Wir sehen sie auf aussagekräftigen, oft humorvollen Fotografien und als Gemälde. Macke malt sich selbst mit roten Pausbäckchen und Marc ein Pfeiferl schmauchend. Franz’ Maria ist mal knack-erotisches Deandl, mal androgyn-kühnes Wesen. Und August inszenierte seine Elisabeth immer als elegisch blickende Dame.

In diesem Umfeld finden sich dann auch Marcs „farblose“ Arbeiten, wobei seine Tendenz zur „Überbelichtung“, etwa bei den „Vier badenden Frauen am Strand“ (1909/10), durchaus neugierig macht. Genauso wie die Auseinandersetzung mit dem Thema Akt, den der Blaue Reiter insgesamt verschmähte. Mit ersten Pferdegemälden kann man sich als Besucher auf Marcs Dreiklang von Tier, Pflanze und Landschaft einschwingen. Die Farben sind noch blässlich. Während Macke sie geradezu aggressiv einsetzt, deutlich an Vincent van Gogh orientiert, aber malerisch zum Teil plump. Allerdings vermag er Formen so zu reduzieren („Frauenkopf in Orange“), dass man bereits die Neue Sachlichkeit zu spüren glaubt – die August ja gar nicht mehr erleben konnte.

Die Exposition im Kunstbau des Lenbachhauses tritt freilich nicht die farbtheoretischen Dispute der Freunde breit. Der Besucher darf einfach die elementare Kraft der Farbe erleben, darf dem sinnlichen Faszinosum erliegen; und empfindet dabei vielleicht nach, was das vor 100 Jahren für eine Befreiung war. Das hatte nicht einmal der Impressionismus vermocht. Die Malerei war die Siegerin, die platte Realität konnten die Künstler hinter sich lassen – die innere Wirklichkeit zählte, eben „das Geistige“, das die Unsterblichkeit mitenthält. Heuhaufen dürfen feuerrot sein, Wiesenwege rosa und Kühe gelb.

Da Marc das Kunst-Theoretisieren liebte, waren er und Kandinsky ideale Partner. Franz hatte schon die Neue Münchner Künstlervereinigung wortmächtig gegen Kritik verteidigt. Beim Blauen Reiter wurde er zum Mit-Schöpfer. Da war es selbstverständlich, dass er den sieben Jahre jüngeren Freund dabei haben wollte. Elisabeth Macke schrieb später lebendig von den Redaktionssitzungen für den Almanach „Der Blaue Reiter“, wie die Paare um den Tisch in Murnau herumsaßen, wie diskutiert, formuliert und geschrieben wurde. In der Ausstellung ist zu sehen, wie sehr beide Maler von der intensiven Phase profitiert haben. Und wie viel Gaudi sie dabei hatten.

Die Revolution damals war ja auch, dass die Künstler sich ansonsten vernachlässigten Phänomenen wie Kunsthandwerk und Volkskunst zuwandten. Märchenfiguren tauchten da genauso auf wie Indianer, Hinterglasbilder wurden gefertigt oder Stickerei-Vorlagen (Elisabeth war dabei aktiv), Spielsachen oder Nippes wurden liebevoll „porträtiert“. Überhaupt näherte sich Macke gerade beim Stillleben sehr der Sichtweise von Gabriele Münter, Kandinskys Freundin, an.

Am frappierendsten in der Ausstellung „August Macke und Franz Marc – Eine Künstlerfreundschaft“ ist, „wie schnell beide zu einem reifen Werk gekommen sind“, betont Annegret Hoberg. Am frappierendsten ist denn auch der End- und Höhepunkt der Schau. Hier erfüllt sich faszinierend der Wunsch der Museen zu zeigen, „wie intensiv sich die Freunde inspirierten, elektrisierten und austauschten“. In der Tat saugten beide gleichermaßen die Avantgarde ihrer Zeit gierig auf. Den farbigen Kubismus eines Robert Delaunay, „Orphismus“ genannt, genauso wie Futurismus, Cézanne’schen Kubismus oder die Abstraktion. So wurden sie Teil des deutschen Expressionismus, der weltweit eine Ausnahmeposition einnimmt – aber der Blaue Reiter und sein Umfeld präsentiert uns darin wiederum eine ganz spezielle Ausformung.

Deswegen explodieren August Mackes und Franz Marcs Arbeiten schier vor Experimentierlust und der Suche nach der eigenen Handschrift. Der Rheinländer konstruiert wie aus tausend Kaleidoskop-Steinchen seine „Mädchen am Springbrunnen“. In diesem Hochformat verzahnt sich alles zu einer Harmonie aus Bruchstücken. Dieses Paradox beschreibt die damalige Zeit genau. Mensch, Pflanze und gebaute Umgebung werden zu einer idyllischen Einheit aus Brüchen. Die komponiert der Maler so genial nach oben und unten, dass dem Betrachter der Vers „Auf steigt der Strahl“ aus Conrad Ferdinand Meyers Gedicht „Der römische Brunnen“ unmittelbar vor Augen steht. Auch Marc, der bei seinem berühmten „Tiger“ noch einen ruhigen Kubismus bevorzugte, versucht sich nun 1913 ebenfalls an der futuristischen Zersplitterung und Dynamisierung. Dazwischen schieben beide immer wieder Ruhezonen, ob Macke mit den versonnenen und besonnten Aquarellen der Tunisreise 1914 (!), ob Marc mit der Verschränkung von Tierleib und Raumkonstrukt.

„Unserem“ Franz Marc widmet das Lenbachhaus, wie es sich für eine bayerische Ausstellung gehört, den Schlusspunkt. Auf ihn läuft der Besucher unweigerlich zu, ihn hatte er während seines Kunst-Spaziergangs stets im Blick. Grandios zeigen die „Spielenden Formen“ (1914), ein extremes Querformat, was wohl noch von Marc künstlerisch zu erwarten gewesen wäre. Er schuf eine jazzig rhythmisierte Farb-Form-Sinfonie, die sich in der Mitte zu einem Mehrfach-Rot ballt. Dessen Energiestöße fangen Blau, Grün und Gelb auf, reagieren tänzerisch weich oder kantig darauf, raffiniert nutzen sie die Kraft, spielen damit, bremsen sie aus. Ein Werk, das man gesehen haben muss, jede Abbildung davon ist nur ein müder Abklatsch. Also, ab in den Kunstbau.

Informationen:

Ort: Kunstbau, Zwischengeschoss, U-Bahnstation Königsplatz (089/ 233 320 02).

Öffnungszeiten: vom 28. Januar bis 3. Mai Di.–So. 10–21 Uhr inklusive Feiertage; Schulklassen ab 8.30 Uhr. Eintritt: 12 Euro, ermäßigt 6 Euro; bis 18 Jahre ist der Eintritt frei. Katalog: 34 Euro im Museum (Hatje Cantz Verlag). Führungen: tgl. außer montags um 10.15 Uhr, 12.15 Uhr, 14.15 Uhr, 16.15 Uhr, 18.15 Uhr; Anmeldungen auch für die Familienwerkstatt: lenbachhaus.de/vermittlung.

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