VON DER THEATER-AG AUF DIE LEINWAND: JONAS DASSLER BEEINDRUCKT IN LARS KRAUMES „DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER“

Der Überzeugungstäter

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von katja kraft. In Bayern kennt man ihn spätestens seit der Verleihung des Bayerischen Filmpreises.

Da steht dieser junge Mann auf der Bühne und weiß nicht, was er sagen soll. Die Veranstalter haben ihn mit einer Laudatio seiner einstigen Theater-AG-Leiterin aus Schulzeiten, Beate Rüter, überrascht. Und der heute 21-Jährige kann nicht anders: Aus ihm sprudelt die Freude, er ist zu Tränen gerührt, umarmt seine Förderin überschwänglich. Und stottert nur noch ins Mikrofon. Jonas Dassler heißt er – ein Name, den man sich merken sollte. Nicht nur, weil der Bursche so unheimlich sympathisch ist, sondern weil er noch dazu ein ungeheures Schauspieltalent besitzt. Ab Donnerstag kann man das in Lars Kraumes „Das schweigende Klassenzimmer“ erleben.

Selten hat man einen deutschen Film gesehen, der sich eines geschichtlichen Themas annimmt und dabei so ganz auf Klischees verzichtet. Es ist die wahre Geschichte einer Schulklasse in der ehemaligen DDR, die mit einer Schweigeminute des (angeblichen) Todes des Sportlers Ferenc Puskás während des Ungarn-Aufstands 1956 gedachte. Das Schulministerium erklärte die Schüler zu Konterrevolutionären, traktierte sie mit perfiden Verhörmethoden, drohte, sie vom Abitur auszuschließen. Eine unter die Haut gehende Mischung aus „Der Club der toten Dichter“ und „Die fetten Jahre sind vorbei“. Mit einem beachtlich aufspielenden Ensemble.

Mittendrin Dassler. Markantes, asymmetrisches Gesicht, sein Gegenüber durchdringende graublaue Augen. Er spielt Erik, der an den Sozialismus glauben möchte, weil er denkt, sein Vater sei ein gefeierter Roter-Frontkämpferbund-Held gewesen. Erik stellt sich gegen die Klasse, bricht die Schweigeminute, verrät die anderen, ist nicht dabei, wenn sie heimlich den West-Sender Rias hören. Ein in sich zerrissener Typ, der sinnbildlich steht für eine Gesellschaft, die von einer Ideologie in die andere getrieben wurde. Nationalsozialismus, Sozialismus, Kapitalismus, Kommunismus – wer vertritt die Wahrheit, welchen Glaubenssätzen soll man folgen?

Fragen, die auch den gebürtigen Remscheider umtreiben, der seit 2014 an der renommierten Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin studiert und seit dieser Saison Ensemblemitglied des Gorki Theaters ist. „Tja, schwierig“, sagt Dassler. Im Film sei das mit der Wahrheitsbildung ganz schön verdeutlicht – hier der West-Sender, dort die Ost-Presse. Und schon das habe überfordert. Wie gelingt es da heute mit den unzähligen Informationskanälen, den Überblick zu behalten? „Ich versuche, das immer so zu pflegen, dass ich etwas lese und dann mit Freunden darüber diskutiere. Denn wir dürfen es uns nicht leisten, unpolitisch zu sein“, betont er.

Man müsse sich ja nur umschauen – „Populismus und Nationalismus wachsen in allen Ländern. Das ist ein Grund aufzustehen, das ist ein Grund, nach einer Alternative zu suchen. Aber nicht nach einer Alternative im rechten Winkel, sondern wir müssen etwas dagegenstellen und uns solidarisieren!“ Wie die jungen Leute in Kraumes Film, die durch eine fixe Idee in eine ungewollte Situation hineinschlittern und sich so mit ihren eigenen Werten auseinandersetzen müssen, mit dem, woran sie trotz all der Einflüsterungen von allen Seiten glauben. „Letztlich ist das: ein Humanismus, ein humanistisches Leitbild, ein solidarisches Leitbild“, sagt Dassler. An das müssten wir uns auch heute halten. Und uns daran erinnern, uns als Weltbevölkerung zu begreifen. „Das heißt: nicht weiter abschotten und neue Grenzen zu ziehen!“

Irgendwann kurz vor Ende des Films fällt der resignierte Satz des Schuldirektors (Florian Lukas), der die gepeinigten Jugendlichen fragt: „Und wat hat dat jetzt den Ungarn genützt?“ Was würde Dassler ihm entgegenhalten? „Viel hat es genützt! Weil eine bloße Schweigeminute deutlich gemacht hat, dass Solidarität einfach viel stärker ist als so ein System. Und dass die Schüler eigentlich einen viel wahreren Sozialismus untereinander gepflegt haben, der auf Solidarität beruht, als dieser Staat selbst.“ Das sei ja das Irre, betont er mit stolzem Lächeln, das zeigt, wie sehr er diese Rolle gelebt hat.

Zur Vorbereitung ist er in die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen gereist und hat mit Dietrich Garstka gesprochen, der als Schüler 1956 dabei war. An Garstkas Erinnerungen orientiert sich das Drehbuch. Außerdem hat Dassler Filme aus der ehemaligen DDR gesehen, Bücher gelesen, Musik gehört – er hat versucht, den Zeitgeist aufzunehmen. Da ist ganz viel Bewunderung für den Mut der Jugendlichen. „Weil sie sich zueinander bekannt haben, füreinander eingestanden sind. Weil sie über das Weltgeschehen diskutiert haben, sich Meinungen gebildet haben, und dann ein Zeichen des Protests entstanden ist. Das ist etwas wahnsinnig Wertvolles.“

Die vielen Meinungen, die via Twitter, Facebook, Instagram und Co. täglich auf einen einprasseln, umgeht Dassler, indem er ganz einfach all diese Kanäle gar nicht nutzt. Er lehnt Soziale Netzwerke nicht kategorisch ab, sondern hat „einfach kein Interesse, sie zu füttern. Weil mich der Live-Moment oder der Spiel-Moment interessiert und nicht die Wirkung. Ein erhebendes Gefühl ist, mit Leuten zusammen eine Szene zu spielen und nicht, dass das fünf Millionen Mal im Internet geliked wird“, betont er. „Das interessiert mich nicht. Was mich interessiert, ist, dass man man gemeinsam etwas erschafft und gemeinsam etwas spürt.“ Davon, dass das auch im Kino funktioniert, sollte man sich ab Donnerstag unbedingt überzeugen lassen.

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