Übertreiben wie ein Berserker

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Amüsante Provokation: Nicole Zepter schreit mit „Kunst hassen – Eine enttäuschte Liebe“ ihren Unmut über den Kulturbetrieb hinaus Von Alexander Altmann

Was erwarten wir von der Kunst? Den Kick? Man muss es nur weniger knallig ausdrücken, dann stimmt’s: Es ist das „Mysterium tremendum“, was die Begegnung mit Kunst im gelungenen Fall zur stillen Sensation macht. Doch der Kick wollte sich nicht mehr einstellen bei Nicole Zepter (Jahrgang 1976). Und wo jeder Laie die Schuld bei sich suchen würde, tat die Berliner Kunsthistorikerin das einzig Richtige: Sie verortete die Ursache des Defizits nicht im Subjekt, sondern im Objekt. „Kunst hassen – Eine enttäuschte Liebe“ heißt das vergnügliche (aber leider furchtbar schlampig lektorierte) Buch, in dem sie ihren Unmut hinausschreit. Wie bei enttäuschten Liebenden üblich, sind Zepters Anklagen oft ungerecht, ja maßlos. Gerade diese berserkernden Übertreibungen machen indes den Reiz und die Komik eines Buches aus, das mit einem Auge auf die Provokation schielt, aber mit seinem ungeschützten Trotz-Gestus auch erfrischend wirkt. Und da die Autorin mehr als die Kunst eigentlich den bizarren Kunstbetrieb attackiert, sind viele ihrer Diagnosen gleichwohl zutreffend. So die Feststellung, dass es Kunstkritik im eigentlichen Sinn nur noch selten gibt.

Während neue Theater- und Opern-Inszenierungen Jubel wie Verrisse provozieren, beschränken sich Kunstkritiker gern auf wisperndes Einordnen der Werke. Der Grund für dieses brave Abnicken, das jede Unterscheidung zwischen überzeugender und schwacher Kunst ersetzt hat, mag darin liegen, dass selbst Fachleute fürchten, hinterwäldlerischer Banausie geziehen zu werden, wenn sie nicht alles a priori gut finden, was als avancierte zeitgenössische Kunst – wortwörtlich – verkauft wird: Dass hinter ideell anmutenden Ausstellungsaktivitäten mehr oder weniger häufig materielle Interessen einflussreicher Sammler und Händler walten, ist zwar eine Binsenweisheit, aber im Bewusstsein der Öffentlichkeit überraschend wenig präsent. Und richtig liegt Nicole Zepter sicher auch, wenn sie beobachtet, wie die Wahrnehmung der Museumsbesucher gelenkt wird: Sowohl lebendige, als auch die beliebten Audio-Führer geben den ehrfürchtigen, ja buchstäblich hörigen Kunst-Pilgern eine konfektionierte Sichtweise vor. Wodurch aber genau das verhindert wird, was die Begegnung mit Kunst so faszinierend macht: die überraschend neue Erfahrung jenseits der gängigen Begriffs-Schablonen, die nur möglich ist, wenn der Betrachter seiner eigenen Wahrnehmung vertraut, wenn er zu empfinden wagt, statt zu befürchten, er könne was „nicht verstehen“ oder falsch machen – so als sei Kunst nicht ein geistiges Genussmittel, sondern ein Examen, das man schaffen muss. Fast scheint dieser Ikonoklasmus im Kopf des Publikums ein weiteres Symptom jener schleichenden puritanischen Kulturrevolution, die – vom Rauchverbot übers Veganertum bis zur Verschulung der Universitäten – alles, was mit Sinnlichkeit und Kontemplation zu tun hat, als ineffektives Teufelszeug verdammt – eben rauskickt.

Nicole Zepter:

„Kunst hassen – Eine enttäuschte Liebe“. Tropen Verlag, Stuttgart, 139 S.; 12 Euro.

Zurück zur Übersicht: Kultur & TV

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare