Über den „Blauen Reiter“ hinaus

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Das Münter-Haus in Murnau, wo die heute so beliebte Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ aus der Taufe gehoben wurde, strahlt seit der Renovierung 1999 – zwischen Welt- und Volkskunst. Jetzt gibt’s etwas Neues: eine Auswahl von 16 Gemälden Gabriele Münters, darunter zehn noch nie gezeigte Werke.

Murnau 

Das Münter-Haus in Murnau, wo die heute so beliebte Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ aus der Taufe gehoben wurde, strahlt seit der Renovierung 1999 – zwischen Welt- und Volkskunst. Jetzt gibt’s etwas Neues: eine Auswahl von 16 Gemälden Gabriele Münters, darunter zehn noch nie gezeigte Werke.

Von Simone Dattenberger

Dass das Sommerhäusl, das die Einheimischen wegen Wassily Kandinskys Anwesenheit in den Jahren bis zum Ersten Weltkrieg „Russenhaus“ nannten, heute ein charmanter Touristenmagnet ist, merkt der Besucher in diesen Ferientagen besonders. Eine Italienerin flüstert hingerissen „bellissima!“, und man weiß nicht recht, ob sie die Bilder, das Haus oder den Garten meint. Wahrscheinlich alles zusammen. Schließlich ist das Anwesen seit der möglichst genauen Rückführung in den Zustand, den ihm Hausherrin Münter (1877-1962) und Kandinsky (1866-1944) gaben, ein Gesamtkunstwerk. In das vertieft sich auch ein Japaner, still, intensiv, akkurat. Während sich ein Bayer beim Anblick des schönen Fotoporträts der alten Münter gleich an die große Schauspielerin Doris Schade erinnert fühlt.

All diese Besucher haben zusätzlich Glück, denn sie gehören zu den ersten, die die neue Bildauswahl genießen können. Genau wie das Gebäude gehören die 16 Gemälde – darunter ein Selbstporträt von 1934 – der Gabriele-Münter-und-Johannes-Eichner-Stiftung. Sie ist ans Münchner Lenbachhaus angegliedert. Dem hatte die Malerin 1957 ihre „Blauer Reiter“-Sammlung anvertraut. Stiftungs-Geschäftsführerin und Kuratorin Isabelle Jansen hat nun Werke ausgesucht, „die Bezug zu Murnau und natürlich zur Volkskunst haben und“, das betont sie besonders, „die gute Bilder der 30er-, 40er-Jahre sind! Wir wollen uns damit gegen das Klischee stemmen, dass Münter nur bis zum Ersten Weltkrieg herausragend malte.“ Diese Überzeugungsarbeit gelingt der Ausstellung perfekt.

Sie ist genau wie die vorherige integriert in die rekonstruierten Schlaf- und Wohnzimmer des Paars Münter-Kandinsky und beherrscht obendrein den Raum für Wechselausstellungen, der erst wieder 2015 für eine andere Schau gebraucht wird. Da Jansen derzeit einen neuen Führer fürs Münter-Haus verfasst (erscheint im Mai), ist sie so richtig in Schwung, was die „Inszenierung“ angeht. All die Bilder sind ihr sowieso innig vertraut, da sie den Münter-Werkkatalog erstellt. Deswegen kann sie erklären, was es mit der merkwürdigen Zeitangabe 1911/1941 bei „Stillleben mit Madonna und Spielzeugvogel“ auf sich hat. „Gabriele Münter hat öfters Gemälde aus der ,Blauer-Reiter‘-Phase übermalt. Das ist nicht selten.“ Informationen dazu seien in den Arbeitsheften der Künstlerin zu finden, die sie ab 1930 akribisch geführt habe. Übrigens in der Zeit, in der Münter endgültig in Murnau sesshaft wurde.

Direkt neben jenem überarbeiteten Bild fasziniert das Masken-Gemälde. Die Larven sind um ein Madonnen-Hinterglasbild gruppiert. Was zunächst als Faschings-Gruß erheitert, lässt einen beim zweiten Blick stutzig werden. Mit den Masken verbindet man einerseits das antike Theater, andererseits sind sie in der abendländischen Malerei später Symbol für Lug und Trug. Dass sie 1943 das Gute bedrängen, erscheint naheliegend. Schließlich war Gabriele Münter bedrückt von der Nazi-Kulturpolitik der „Entarteten Kunst“ und versteckte die ganze Zeit über Kandinskys Werke in ihrer Waschküche; heute übrigens der Informationsraum für die Gäste. So ein stilles Signal setzte sie auch in ein kleines Stillleben mit ein paar Strohblumen und Tannenzweigerln samt Spielzeugvogel – 1942. Ausgerechnet 1945 malte sie ein Engel-Figürchen zwischen die beiden Vasen.

Alle Künstler des „Blauen Reiter“ schätzten solche Stücke der Volkskunst. Aber in Münters Œuvre werden sie konsequent integriert. Vieles, was wir jetzt auf den Gemälden sehen, etwa im „Stillleben mit gelbem Vogel“ (1935) entdecken wir in natura in der Vitrine des Kandinsky-Zimmers neben seinem Frack. Die russischen Holzfiguren sind ebenso vorhanden wie das schwedische Pferd oder das Mini-Kasperletheater. Und die Hinterglasbilder hängen ohnehin über der Eckbank.

Was bei der aktuellen Auswahl von Münter-Werken noch mehr auffällt, ist die genaue botanische Kenntnis der Blumen – ja, eigentlich mehr noch: Die Malerin hat das Wesen der Pflanzen so tief verstanden, dass die Darstellungen dieses punktgenau treffen, obwohl die Künstlerin häufig vereinfacht. Das Huflattichblatt in „Gras“ (1939) ist nicht einfach Frühling-knackgrün, sondern man spürt förmlich zwischen den Fingern dessen ledrige Festigkeit. Genauso spüren wir bei der fulminanten, imposant in Szene gesetzten „Kürbisblüte“ (1939) wie zart und durchscheinend die großen Blütenblätter sind.

Und noch einen Genuss bietet die neue Auswahl: Der Betrachter erlebt die Münter in ihrem Können vom Spätimpressionismus über den Expressionismus à la „Blauer Reiter“ bis zu einer Art neusachlichem Realismus. All das würzt sie mit der ihr eigenen Schlichtheit, die bei wachsamem Hinsehen öfters eine satte Portion Schlitzohrigkeit offenbart.

Informationen:

Münter-Haus, Murnau, Kottmüllerallee 6, täglich außer Mo. 14-17 Uhr; Telefon 08841/62 88 80.

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