WOLFGANG MURNBERGERS ARD-TRAGIKOMÖDIE „NICHTS ZU VERLIEREN“ ERZÄHLT VON EINER TRAUERREISE, DIE AUßER KONTROLLE GERÄT

Therapie für Kidnapper

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Änderung des Fahrplans: Der flüchtige Einbrecher Richy (Georg Friedrich) bedroht Reiseleiterin Irma (Lisa Wagner) in „Nichts zu verlieren“. Foto: Br

Von Katharina Zeckau. Georg Friedrich ist wieder einmal eine Schau.

Der österreichische Schauspieler ist im deutschsprachigen Film abonniert auf die Rolle des immer etwas abgerissenen, oft ziemlich üblen Prolls oder Kleinkriminellen. Besonderes Merkmal sind sein Wiener Schmäh und eine Lässigkeit, die ihresgleichen sucht. In der Tragikomödie „Nichts zu verlieren“, die das Erste heute Abend um 20.15  Uhr ausstrahlt, ist Friedrich erneut in seinem schauspielerischen Element.

Er verkörpert Richy, der auf der Flucht nach einem Einbruch mit seinem Halbbruder Tom (Christopher Schärf) eine Reisegruppe samt Bus entführt. Es handelt sich um Teilnehmer einer sogenannten „Trauerreise“. Alle haben einen lieben Menschen verloren und wollen nun zusammen mit einer Therapeutin ein paar Tage unter Gleichgesinnten verbringen. Diese Entführungsopfer haben, wie der Titel schon sagt, „nichts zu verlieren“. Was den Job der beiden Gangster, die im Grunde in derselben Situation sind, ziemlich erschwert. Wer im Reisebus das Sagen hat, wird hier immer wieder neu ausgehandelt.

Da wäre etwa Reiseleiterin und Trauertherapeutin Irma (Lisa Wagner), die selbst Verluste erlitten hat. Nach wiederholten Fehlgeburten steht ihre Ehe mit dem Chef des Reiseunternehmens auf der Kippe. Da sind die junge Witwe Miriam (Emily Cox), die jedem gleich ihr Herz ausschüttet, die ebenso elegante wie unnahbare Hilde (Susanne Wolff), der Witwer Helmut (Bernhard Schütz) oder der seltsame Harry (Stefan Merki), bei dem niemand so recht weiß, um wen er eigentlich trauert.

Die Lage spitzt sich zu, denn Richy wurde bei dem Einbruch angeschossen, weshalb der Bus zur bayerisch-österreichischen Grenze dirigiert wird. Doch das Fahrzeug ist alt und langsam, was Teil des Trauerreisenkonzepts ist. Und sowohl Irmas Mann als auch Richys und Toms betrogener Kompagnon sind der ungewöhnlichen Reisegruppe auf den Fersen. Die wächst vor allem angesichts des verletzten Verbrechers zum Kollektiv zusammen. Die Solidarität erstreckt sich zunehmend nicht nur auf die Trauergäste, sondern bezieht auch die beiden im Grunde harmlosen Kidnapper mit ein.

Das immer warmherzigere Miteinander zwischen Entführern und Entführten mag nicht sonderlich realistisch sein. Das stört aber nicht weiter, denn der Drehbuchautorin Ruth Thoma („3096 Tage“, „Dessau Dancers“) und Regisseur Wolfgang Murnberger („Die Spätzünder“, „Kästner und der kleine Dienstag“) geht es um etwas anderes, nämlich Solidarität und Gemeinschaft zu feiern als wesentlichen Teil von Trauerarbeit. Das gehört auch zum Konzept der Trauerreisen, die es seit einigen Jahren wirklich gibt. Zugleich soll „Nichts zu verlieren“ einfach ein unterhaltsamer Fernsehfilm sein. Ein Spagat, der dieser Tragikomödie mühelos gelingt.

Die jahrzehntelange Film- und Fernseherfahrung von Autorin wie Regisseur ist dem gut gebauten Werk wohltuend anzumerken. Der klare Blick auf die Story lässt den Figuren genug Raum, sich zu entfalten. Und die wunderbaren Darsteller scheinen sich mit ihrer großen Spielfreude für die präzisen, schön schwarzhumorigen Dialoge zu bedanken. Dabei glänzt neben Georg Friedrichs Richy vor allem dessen weiblicher Widerpart Irma. Diese Rolle wird von Lisa Wagner geradezu kongenial gespielt.

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