Theater, das unmittelbar treffen will

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Die Zuschauer lauschen bei „Gardens Speak“ auf Stimmen aus fiktiven Gräbern syrischer Widerstandskämpfer. Foto: Spielart

Ob Afrika, der Nahe Osten oder Europa: Der Auftakt des 10. Münchner Spielart-Festivals thematisiert die Krisen der Welt.

von malve gradinger

Es ist, als ob sich Münchens Spielart-Festival, das am Freitag begonnen hat, vehement den gegenwärtigen Problemen Europas und Afrikas und den blutigen Krisen im Nahen und Mittleren Osten entgegen werfen wolle. Das geballt polit-engagierte Angebot bietet noch bis 7. November 35 Produktionen, ergänzt durch das Rahmenprogramm „Art in Resistance“ aus Vorträgen, Gesprächen und einer Ausstellung, das vom 30. Oktober bis 1. November im Gasteig zu erleben ist. Art (Kunst) und Aktivismus haben sich – ganz im zeitgenössischen Trend – auch bei dieser 10. Spielart-Ausgabe zum „Artivismus“ hochgeflammt, der uns in seiner zwangsläufig dokumentarischen Form unmittelbar physisch treffen will.

„Gardens Speak“ (noch bis 27. Oktober im Einstein-Kultur) ist Tania El Khourys Recherche in syrischen Familien, die ihre Söhne, Widerständler gegen das Assad-Regime, in privaten Gärten und Parks anonym beerdigen. Sie fürchten Verfolgung für sich und Verfälschung des Märtyrertods ihrer Kinder.

Ein still-dämmriger „Friedhof“, ein großes erdiges Rechteck, gesäumt von zehn Grabplatten, empfängt den Besucher, der sich nun, in einen Plastik-Schutzmantel gehüllt, auf das Grab „seines“ Toten legt, das Ohr dicht an dessen Stimme (den Stoff-verschalten Lautsprecher hat man frei gebuddelt): Es ist Abdul Wahads Geist, der leise von den ihm widerfahrenen Gräueln berichtet: Folter, Kampf und Tod im Jahr 2012. Berührt von der versöhnlich-larmoyanzfreien Stimmung schreibt jeder Zuschauer einen Brief an seinen Toten und schiebt ihn unter die Graberde.

Kontrast maximal bei dem international renommierten Dieudonné Niangouna aus dem Kongo-Brazzaville: Die während der französischen Kolonialzeit aufoktroyierte fremde Sprache (die deutsche Übersetzung in rasender Einblendung) wird in Niangounas irrwitziger Beschleunigung zu einem einzigen Aufschrei, zur Überwaffe. Er und vier Mitspieler donnern auf uns herunter, was sein Land seit Frankreichs Oberhoheit ab dem Jahr 1885 an Regime-Wechseln zwischen Unabhängigkeit, kommunistischer Volksrepublik, Re-Demokratisierung, Staatsstreichen und Ausbeutungen erleiden musste. Dazu flicht der Autor-Regisseur die chaotisch-brutale Geschichte der Brüder Fido und Roger. Letzterer, als Kind ausgesetzt, ermordet auf der Suche nach dem Rätsel seiner Herkunft seinen Onkel. Diana, die Frau der beiden Brüder, erwürgt wegen Vaterschaftszweifel ihr Neugeborenes. Diese von Identitäts-Sehnsucht und Gewalt geprägte Familiengeschichte ist Metapher für die in 150 Jahren mit Fremdbestimmung, eingeprügelter Anpassung, Korruption und zu zehntausenden in den Bürgerkriegen hingeschlachteten, vergewaltigten und verhungerten Menschen.

Der Zuschauer muss die historischen Einzelheiten nicht mitkriegen. Auch das Szenische ist eher nebensächlich. Aber die poetischen und vulgären, mit verschlungenen Wiederholungen aus dem Bauch gewüteten Text-Passagen, diese Wucht der Sprache erreicht uns direkt körperlich.

Weitere Informationen

zum Festival gibt es im Internet unter www.spielart.org; Telefon 089/ 54 81 81 81.

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