CAMPINO ÜBER TRAUERBEWÄLTIGUNG, POLITISCHE LIEDTEXTE UND DAS NEUE ALBUM DER TOTEN HOSEN

„Dem Teufel ins Gesicht lachen“

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„Wir haben uns ein paar Beulen geholt, sind aber bereit zu kämpfen“: Campino feiert heuer den 35. Band-Geburtstag. Foto: Tobias Schwarz/ Reuters
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„Wir haben uns ein paar Beulen geholt, sind aber bereit zu kämpfen“: Campino feiert heuer den 35. Band-Geburtstag. Foto: Tobias Schwarz/ Reuters

Die Toten Hosen gibt es seit 35 Jahren. Von Ermüdungserscheinungen kann aber keine Rede sein.

Das vergangene Album „Ballast der Republik“ war das erfolgreichste der Band. Auf der heute erscheinenden Platte „Laune der Natur“ mussten die Hosen Schicksalsschläge verarbeiten: den Tod ihres Managers Jochen Hülder sowie des ehemaligen Schlagzeugers Wolfgang „Wölli“ Rohde. Die Band reflektiert aber auch augenzwinkernd die eigene Geschichte in Relation zum Alkoholkonsum bei den Geburtstagen des Gitarristen „Breiti“ (im Lied „Wie viele Jahre“). Wir sprachen mit Sänger Campino.

-Das Album handelt überwiegend von den Themen Verlust und Tod, es thematisiert die Band-Geschichte. Wie sehr war das geplant?

Das ergibt sich immer von selbst. Ich bin zwar bemüht, eine große Bandbreite zu servieren, musikalisch wie textlich, aber das gelingt nicht immer. Manche Dinge müssen einfach raus. Natürlich will man die Leute nicht langweilen und versucht schon deshalb, immer wieder neue Ansatzpunkte zu finden. Der Gegenentwurf zu einem solchen Sammelsurium wäre ein Konzeptalbum. Wenn man das Album aber offenhält, kann man es sich leisten, thematisch zu springen. Mit der Zeit sortiert sich alles von alleine. Viele Lied-Ideen fallen aus verschiedensten Gründen irgendwann durch den Rost. Am Schluss bleibt eine Essenz aus der Arbeit der vergangenen zwei Jahre. Von thematischer Ausgeglichenheit kann auf dieser CD wohl eher nicht die Rede sein. Tod und Abschied sind immer wiederkehrende Bilder. Das bedauere ich ein wenig, aber es ist im Grunde genau das, was sich in den vergangenen fünf Jahren bei uns abgespielt hat. Wenn man ein Album anlegt wie ein Tagebuch, dann muss man auch akzeptieren, dass das Leben eben diese oder jene Kurve genommen hat.

-Es gibt zwei Lieder, die den Tod von Manager Jochen und Schlagzeuger „Wölli“ zum Inhalt haben.

Das Lied „Eine Handvoll Erde“ war das erste, das ich für dieses Album geschrieben habe. Das war einfach die Erinnerung an den Morgen, an dem Jochens Beerdigung stattgefunden hat. Es war uns ein Bedürfnis, ein Lied für ihn zu spielen.

-Kommt durch diese Abschiede auch die Vorstellung, wieder ganz von vorne anzufangen wie im Lied „Urknall“?

Wir haben nicht wirklich das Bedürfnis, zu den Verhältnissen unserer Anfänge zurückzukehren – abgesehen davon, dass das unmöglich ist. Aber sich vorzunehmen, zurück zum Wesentlichen zu kommen und die ganze Oberflächlichkeit über Bord zu werfen, kann nicht schaden. Die Haudrauf-Einstellung der frühen Tage ist gemeint, wenn wir sagen „Wir sind zurück, als wäre nichts passiert“. Das funktioniert ja streckenweise. Ansonsten ist es einfach offensiv zu sagen: „Wir haben uns ein paar Beulen geholt, aber wir stehen wieder auf und sind bereit zu kämpfen“ – so wie im Film „Ritter der Kokosnuss“ mit dem Kämpfer, der keine Arme und Beine mehr hat und seinem Gegner zuruft „Okay, einigen wir uns auf Unentschieden!“

-Trotz der düsteren Thematik ist das Album nicht deprimierend.

Ich finde, dass man am Ende unserer Alben mit Lebensfreude und Energie entlassen werden sollte. Heulende Hosen kann niemand gebrauchen. Wir selbst am allerwenigsten. Man sollte dem Teufel immer noch ins Gesicht lachen.

-Im Lied „Pop & Politik“ werden politische Liedtexte verteidigt. Sollten sich noch viel mehr Künstler politisch äußern?

Wir stammen aus einer Generation, deren musikalische Helden immer eine politische Haltung an den Tag gelegt haben. Musik war schon immer politisch, selbst im Mittelalter. Ende der Sechzigerjahre drückten das vor allem die Hippies aus mit ihrer „Make Love not War“-Einstellung. Die Punks haben dieses politische Bewusstsein noch verschärft. Diese Philosophie ist immer mehr verblasst. Viele Bands haben Angst, sie könnten Ärger kriegen, wenn sie politisch Stellung beziehen.

-Hängt das mit dem deutschen Bild vom Künstler im Elfenbeinturm zusammen?

Ich weiß nicht. Vielleicht kommt es ein wenig von diesem alten Harald-Schmidt-Humor. Dieses Sich-lustig-Machen über Leute, die etwas Gutes bewirken wollen. Dieses Auf-alles-und-jeden-Schießen, der sich bewegt. Diese zynische Grundhaltung.

-Was bewirkt das?

Es hat die Leute verunsichert und verängstigt. Ich glaube, viele Künstler würden sich viel mehr einbringen, wenn sie nicht ständig Angst hätten, einem immensen Shitstorm ausgesetzt zu sein. Es ist ja schwer, politisch relevante Lieder zu schreiben, weil die Halbwertszeit der Songs unter Umständen sehr kurz ist. Das Tempo der Entwicklungen ist rasant. Ein Lied wie „Europa“, das vor fünf Jahren noch Betroffenheit ausgelöst hat, würde heute ganz anders wahrgenommen werden. Viele Menschen sind inzwischen verhärtet, was das Thema Flüchtlinge angeht. Auch von den europäischen Regierungen wird stillschweigend in Kauf genommen, dass viele Flüchtlinge im Mittelmeer ersaufen. Das Signal soll heißen: „Rechnet euch keine Chancen aus, Europa über das Wasser zu erreichen. Bleibt, wo ihr seid!“ Bei unseren neuen Liedern haben wir uns dieses Mal zurückgehalten. Es braucht nicht   das fünfzehnte Anti-Nazi-Lied der Toten Hosen oder Songs, die sich lustig machen über Trump oder Erdogan. Da sind wir doch eh alle einer Meinung.

-Der 35. Band-Geburtstag wird mit einem Neuaufbruch gefeiert. Würdet Ihr Euch jetzt wieder Die Toten Hosen nennen?

Niemals! Ich glaube, unseren Namen muss man im zeitlichen Kontext sehen. Der entstand in einer Phase, in der sich alle Bands unheimlich coole Namen gegeben haben. The Destroyers, The Anti Nowhere  League  und  so weiter. Da fanden wir es lustig, einen Gegenpunkt zu setzen. Wenn wir in irgendwelchen Jugendzentren anriefen und fragten, ob wir eventuell ein Konzert spielen dürften, fühlten die sich veräppelt, als wir  sagten,  dass wir Die Toten Hosen sind. Dann wurde sofort eingehängt, weil sie dachten, es sei ein Telefonstreich.

Das Gespräch führte

Antonio Seidemann.

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