BAYREUTHER FESTSPIELE

Telekolleg-Meditation

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Ein jugendlicher Kraftlackl: Günther Groissböck als Gurnemanz. Foto: Enrico Nawrath

Uwe Eric Laufenbergs „Parsifal“-Inszenierung startete in ihr drittes Jahr auf dem Grünen Hügel

Von Markus Thiel

Die Sache lässt sich auch in die Gegenrichtung treiben. Weg von der Eisfach-Regie hin zum Hyperaktionismus, zum Erklärwahn. Bei den Bayreuther Festspielen ist das gerade zu bestaunen, und das innerhalb von 24 Stunden. Nach der „Lohengrin“-Premiere also die Wiederaufnahme des „Parsifal“, und der ist im dritten Jahr nicht besser geworden. Uwe Eric Laufenberg, Intendant in Wiesbaden, gehört zu einer merkwürdigen Regie-Spezies. Die verfügt zwar über versiertes Handwerk, neigt aber dazu, das überinszenierend auszustellen.

Sein Weihespiel ist eine Telekolleg-Meditation, eine „Sendung mit der Maus“ für Erwachsene, bei der alles zum bedeutungsraunenden Bayreuther Allerlei verrührt wird: Die christliche Kapelle in syrischer Wüste, die Religionskämpfe, die Toleranz-Beschwörung, männliche Aggression und weibliche Ausbeutung, das Hausieren mit der Kreuz-Symbolik – man wünscht Laufenberg einen Dramaturgen, der beherzt mit der Machete durch seinen Ideenwald geht.

Der wichtigste Neuling lässt sich von alledem nicht anstecken. Semyon Bychkov, nach zwei Jahren mit Hartmut Haenchen planmäßig verpflichtet, dirigiert den „Parsifal“ als große, organische, flexible Vokalsymphonie. Es scheint, als ob das Festspielorchester wie befreit spielt – nach den (auch sehr notwendigen) aufführungspraktischen Gängelungen der Haenchen-Jahre. Bychkov lässt die Musik leuchten, sich entfalten, neigt aber zu demonstrativen Verbremsungen. Die Tempo-Architektur stimmt noch nicht ganz, die Bayreuther Werkstattidee wird diesem Debütanten guttun. Ebenfalls neu ist Günther Groissböck. Gurnemanz ist bei ihm ein jugendlicher, gar nicht so würdevoller Kraftlackl. Die Textarbeit ist musterhaft, auch die Legato-Kultur. Doch müsste Groissböck mehr Farben riskieren und eine souveränere Lösung für Extremtöne finden – dies spätestens bis 2020, bis zu seinem Bayreuther Wotan. Beherzter, viriler, sonniger als Andreas Schager dürfte derzeit niemand den Parsifal singen. Dass er sich auch um Feinheiten bemüht, ehrt ihn, ebenso wie Elena Pankratova als Kundry. Keine Sekunde muss man Angst um Töne haben. Wie sie Hochdramatisches aus einer reichhaltigen Mezzo-Substanz entwickelt, ist bestechend. Dass mit Derek Welton ein ungewohnt sympathischer, jugendlicher Klingsor zur Verfügung steht, wird von der Regie nicht genutzt. 2022 könnte es, so wird geraunt, einen neuen „Parsifal“ geben mit Christian Thielemann. Einen Bewerber als Gurnemanz hört man jetzt, es ist der erstaunliche Bassist Tobias Kehrer. Noch wird er am Hügel mit der Mini-Partie des Titurel abgespeist.

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