MURNAUS SCHLOSSMUSEUM BIETET DIE ERSTE RETROSPEKTIVE ZUM WERK DES „BLAUEN REITER“-KOLLEGEN WLADIMIR VON BECHTEJEFF

Tanz mit den Pferden

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„Stehende“ spielt 1912 mit dem Vorbild Franz von Stuck und mit Art déco.

Ausstellung . Von Simone Dattenberger.

„Wladimir von Bechtejeff – Wiederentdeckt!“ heißt die neue Ausstellung im Schlossmuseum Murnau. In der Tat ist dem Team um Direktorin Sandra Uhrig und der russophilen „Helferin“ Jelena Hahl-Fontaine eine richtig runde Retrospektive gelungen – und die erste überhaupt. Kunstsinnige Bayern haben den Namen Bechtejeff in einer Ecke ihres Hirnkastls gespeichert, und zwar im Zusammenhang mit den Künstlern des „Blauen Reiter“ und dessen Vorläufer, der Neuen Künstlervereinigung München. In jeder Präsentation der beiden Gruppen taucht der adelige Russe mit ein, zwei Bildern auf. Man bewundert sie, aber eine weiterführende Schau gab es nie.

Damit wollte Uhrig sich nicht abfinden. Ihr Kontakt zu Hahl-Fontaine brachte die Wiederentdeckung und Komplettdarstellung des Bechtejeff-Œuvres in Schwung. Die Slawistin und Kunsthistorikerin hatte Mitte der Sechzigerjahre im Auftrag des Münchner Lenbachhauses Wladimir von Bechtejeff (1878-1971) noch besuchen können. Interessierte sich intensiv für sein Schaffen, sammelte so viel wie möglich und bekam von ihm das Typoskript seiner Biografie. Sie hat den fragmentarischen Text für den Murnauer Katalog übersetzt und erzählt außerdem von jenem Mann aus dem alten Russland, dem weltoffenen Künstler, der sich für die junge Sowjetunion engagierte,  der der politischen Engstirnigkeit ausweichen wollte, der acht Jahre in Sibirien in der Verbannung überlebte – und später bettelarm in Moskau.

Zur schönen Fügung mit Hahl-Fontaine kamen freundliche Leihgeber. Dazu zählen nicht nur Museen wie das Lenbachhaus, von dem Murnau den tänzerischen „Rossebändiger“ bekam, sondern auch Sammlungen ehemaliger Freunde. Da gibt es den Nachlass der Tänzer Alexander von Sacharoff und Clotilde von Derp, die Sammlungen von Alexej von Jawlensky sowie von Adolf Erbslöh. Kurzum, die Crew des Schlossmuseums musste das und noch mehr mühselig zusammentragen. Eine enorme Leistung für eine so kleine Institution – und eine enorme Auszeichnung für sie. Denn ihr Ruf ist so gut, dass die Leihgeber – einiges kam gerade noch rechtzeitig vor der Eröffnung aus Italien – Vertrauen haben.

Für die Besucher ist das wunderbar, weil sie eine erstaunliche (Wieder-)Entdeckung genießen dürfen. Zu Beginn des Ausstellungsrundgangs werden die Einflüsse präsentiert, die Bechtejeff für sich nutzte: Arbeiten von Maillol, Symbolistisches und Jugendstil sowie die knallbunt sich auflösende Szenerie eines Maurice Denis. Französische Kollegen waren also wichtig – aber da ist auch Bayern. Franz von Stucks speerwerfende Amazone reitet dem Betrachter gleich entgegen, sozusagen als Vorhut von Bechtejeffs großem Gemälde „Amazonenschlacht“ von 1909.

Damals hatte der Russe bereits die spätimpressionistischen Anfänge hinter sich gelassen und testete stattdessen kubische, leicht prismatische Formvereinfachungen aus. Ob in Skizzen, märchenhaften Aquarellen oder in Ölgemälden und kleinen juwelenfarbenen Gouachen, Bechtejeff war fasziniert von Leibern und ihren Bewegungen, ihrer Sprache. Dabei vereinte er in seiner speziellen künstlerischen Ausdrucksweise die Körper von Pferd und Mensch. Er zeigte sie als Tänzer, die in Harmonie einen Pas de deux kreieren oder wie bei den Amazonen eine rasende, widersprüchliche Choreografie. Selbst der „Rossebändiger“ (1912) ist nicht Darstellung eines Unterwerfungsakts, sondern ein Tanz von Werben und Widerstreben.

Nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs – Bechtejeff wurde in Deutschland zum „unerwünschten“ Ausländer – setzt der Maler harte Konturen, wie wir sie vom Prismenschliff kennen: so 1915 der „Harlekin“. Das Schlossmuseum konnte das Selbstporträt ebenfalls nach Bayern holen. Der Typus des traurigen Spaßmachers ist alt. Bechtejeff greift ihn experimentierfreudig und unerschrocken auf wie auch Rossebändiger, Diana und Amazonen, die auf die Antike zurückgehen. Pferd und Clown führen zugleich zum Zirkus. Da fühlte sich Wladimir von Bechtejeff wohl, der den Moskauer Staatszirkus 1921/22 leitete – bevor sich die politische Lage immer mehr verdüsterte.

Bis 1. Juli,

Di.-So. 10-17 Uhr, Ostermontag geöffnet; Schlosshof 2-5, Telefon: 0884/ 47 62 07; Katalog: 25 Euro.

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