Als die „Tagesschau“ weiblich wurde

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Wünscht sich vor allem Gesundheit: Dagmar Berghoff in ihrer Wohnung in Hamburg. Die gebürtige Berlinerin wollte eigentlich Schauspielerin werden, dann holte sie der damalige „Tagesschau“-Chefsprecher Karl-Heinz Köpcke ins Team.

Von Dorit Koch „Das ist ja ,Tagesschau‘-pünktlich!“ – Dagmar Berghoff öffnet die Tür zu ihrer Wohnung in Hamburg, und sofort fühlt man sich zurückversetzt in die Zeit, als die Frau mit den blonden Haaren und dem makellosen Image das Gesicht der Nachrichtensendung war.

Berghoff war die erste „Miss Tagesschau“ und blieb bis zu ihrem Abschied am Silvesterabend des Jahres 1999 auch in der Beliebtheit für viele die Nummer eins. Die 20-Uhr-Hauptausgabe einzuschalten ist für sie noch immer Pflicht. Es sei denn, es gibt etwas zu feiern wie ihren 75. Geburtstag am heutigen Donnerstag.

Was sie sich wünscht? „Eigentlich nur Gesundheit. Wenn man jünger ist, wünscht man sich so viel, aber – so banal es auch klingen mag – Gesundheit ist doch das Wichtigste.“ Wie 75 fühle sie sich nicht: „Wenn man früher an dieses Alter gedacht hat, dann hat man alte, schwarz gekleidete Frauen gesehen. Mein Lebensgefühl ist gute 20 Jahre jünger.“

Nicht weniger als 23 Jahre lang war Berghoff das Gesicht der „Tagesschau“. Die Momente, in denen sie selbst mal vor laufender Kamera für Schlagzeilen sorgte, gehören zu den bekanntesten Anekdoten in der Geschichte der Sendung. Etwa die Proteste, die die Sprecherin auslöste, als sie eines Tages mit Lockenfrisur auf dem Bildschirm erschien. „Mir schrieben die Leute zum Beispiel: ,Mein Hirtenhund liegt vorm Fernseher und bellt Sie an.‘“ Auch ihr Lachkrampf beim „WTC-Turnier“-Versprecher ist legendär – zuvor hatte sie noch mit der Redaktion darüber gewitzelt, doch mal lesen zu können, Boris Becker habe das WC-Turnier gewonnen.

Bis vor einigen Jahren arbeitete die Moderatorin noch fürs Radio, wie schon ganz am Anfang. Damals, als „Tagesschau“-Chefsprecher Karl-Heinz Köpcke sie in sein nur aus Männern bestehendes Team holte – obwohl auch er zu den Zweiflern zählte. „Er war eigentlich nicht der Meinung, dass Frauen die ,Tagesschau‘ sprechen können. Von Politik würden sie nichts verstehen, von Sport schon gar nichts, und bei Unglücken in Tränen ausbrechen“, hatte Berghoff mal erzählt. Nachdem sie unter anderem beim damaligen Südwestfunk (SWF) als Ansagerin, Moderatorin und Sprecherin im Radio gearbeitet hatte, begrüßte Berghoff am 16. Juni 1976 erstmals die Zuschauer zum damaligen „Hochamt der Fernsehnachrichten“.

Dabei hatte die gebürtige Berlinerin, die in Ahrensburg bei Hamburg aufwuchs, Schauspielerin werden wollen. Anfangs nahm sie parallel zur Arbeit in Radio und Fernsehen Rollen an, etwa für Dieter Wedels „Einmal im Leben“ über die Erfahrungen der Familie Semmeling mit dem Hausbau. Als Karl-Heinz Köpcke rief, war Schluss damit. „Dieter Wedel, mit dem ich damals liiert war, sagte mir: „Wenn du ,Tagesschau‘-Sprecherin wirst, ist dein Gesicht für die Schauspielerei verbraucht.“ So kam es auch – abgesehen davon, dass Auftritte von Nachrichtensprechern in fiktionalen Produktionen streng reglementiert sind.

Mit Wedel habe sie nur wenig Kontakt, „aber wenn wir uns sehen, begrüßen wir uns herzlich“, erzählt Berghoff und sagt angesichts der Schlagzeilen um ihn: „Ich denke, Dieter Wedel hatte es nicht nötig, eine Frau gegen ihren Willen ins Bett zu bekommen. Außerdem meine ich, dass jede Frau, wenn sie nicht gerade noch sehr jung und unerfahren ist, weiß, wie sie sich zu wehren hat.“ Die Debatte um sexuelle Übergriffe beobachte sie mit gemischten Gefühlen. „Ich selbst habe sexuelle Annäherungsversuche erlebt, nicht innerhalb der ,Tagesschau‘, aber von anderen Kollegen. Ich wusste aber so etwas sofort abzuwehren.“

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