Auf der Suche nach Wahrhaftigkeit

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Publikumsliebling: Dieter Dorn beim Signieren des Bildbands „Sinnliche Aufklärung“ (Hirmer Verlag) über seine zehn Jahre an der Spitze des Staatsschauspiels. Foto: dashuber

Dieter Dorn, der über Jahrzehnte das Theater in München prägte, feiert seinen 80. Geburtstag – von Montag an inszeniert er Verdi in Berlin.

VON SABINE DULTZ

Jünger kann man nicht sein im Herzen. Pünktlich zu seinem Achtzigsten an diesem Samstag packt Dieter Dorn in München den Koffer. Es geht nach Berlin. Denn dort, an der Deutschen Staatsoper, beginnt der frühere Intendant und Regisseur der Münchner Kammerspiele und des Bayerischen Staatsschauspiels am Montag mit den Proben zu einer der ganz großen Liebesgeschichten der Opernwelt, „La Traviata“.

Ein bisschen „hmtata“ muss sein. Wenigstens einmal im Leben mit Schmalz, Geschmack und Strenge und mit einer Träne im Knopfloch sich der realistischen Tragödie des großen Verdi stellen. Dorn konnte gar nicht anders, als die Herausforderung aus Berlin anzunehmen: „Einem Barenboim sagt man nicht ab.“ Dazu kommt noch, dass die Staatsoper Unter den Linden derzeit im Ausweichquartier Schillertheater residiert. Und so kehrt der Regisseur an seine alte Wirkungsstätte zurück.

Denn vom Schillertheater aus ging einst sein guter Ruf, der ihm 1976 das so schicksalhafte Engagement an die Münchner Kammerspiele eintrug. Und er brachte damals auch gleich jene Schauspieler nach München mit, die den Ruhm der Ära Dorn begründeten.

Es ist ja eine Tatsache, dass die Großen ihres Metiers bei den Regisseuren, die ihnen künstlerische Partner auf Augenhöhe sind, dauerhaft bleiben. So dankte auch Dieter Dorn in seiner 2013 im Beck Verlag erschienenen Autobiografie „Spielt weiter“ demütig seinen Schauspielern: „Sie ließen mich werden, was ich heute bin.“ Sie hier alle aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Aber unvergesslich haben sich in Verbindung mit Dorns Inszenierungen ihre Namen eingeprägt – Maria Nicklisch, Gisela Stein, Helmut Griem, Thomas Holtzmann, Rolf Boysen, Claus Eberth, Jörg Hube. Sie alle sind nicht mehr, aber sie leben weiter in den Video-Aufzeichnungen seiner schönsten Inszenierungen.

Da begegnet man auch Cornelia Froboess, Sibylle Canonica, Anna Schudt und Sunnyi Melles, Franziska Walser und Edgar Selge, Axel Milberg, Tobias Moretti, Jens Harzer und Manfred Zapatka, Lambert Hamel, Michael von Au und Stefan Hunstein – Schauspieler, die das Theaterbild mehrerer Generationen prägten. Eine Ästhetik, die den Modernismen der heutigen Zeit standhält, weil sie nie modisch, sondern stets auf der Grundlage des Textes der Dichter nach Wahrhaftigkeit suchte. Weil sie danach forschte, was den Menschen in seinem Widerspruch und seinem Geheimnis ausmacht. Und da Dorn in seinen Inszenierungen zusammen mit seinem kongenialen Ausstatter Jürgen Rose die szenischen Äußerlichkeiten immer mehr reduzierte, sind diese Aufführungen auch kaum einem künstlerischen Alterungsprozess ausgesetzt.

„Ein Mittsommernachtstraum“, „Was ihr wollt“, „Troilus und Cressida“, „König Lear“, „Cymbelin“, „Der Kaufmann von Venedig“, „Maß für Maß“ – das sind die Shakespeares, die Maßstäbe setzten. „Faust“, „Dantons Tod“, „Der zerbrochne Krug“, „Amphitryon“, „Käthchen von Heilbronn“ – sie machten Lust auf deutsche Klassik. Die antiken Tragödien wie „Hekabe“ oder „Die Bakchen“ erschienen in ihrer auch formal unbestechlichen Umsetzung groß, gewaltig und aktuell. Aber auch die Stücke des Botho Strauß oder „Der Gott des Gemetzels“ der Yasmina Reza inszenierte Dorn mit archaischer Wucht und dennoch mit hinreißender komödiantischer Leichtigkeit.

Jetzt also „La Traviata“. Nach Wagners welthaltigem „Ring des Nibelungen“ 2014 am Opernhaus in Genf nun das individuelle Liebesdrama schlechthin. Dass Dorn von der Liebe eine ganze Menge versteht, weiß das Opernpublikum spätestens seit seinen Münchner Mozart-Inszenierungen aus den Achtzigerjahren. „Der Oper galt immer meine Liebe, was sicherlich in meiner Kindheit begründet ist, jener Leipziger Zeit, da ich noch Dirigent werden wollte“, gesteht der gebürtige Sachse, der bereits 1979 mit der „Entführung aus dem Serail“ unter Karl Böhm an der Wiener Staatsoper sein Musiktheater-Debüt gab.

Aus dem Sachsen ist ein Bayer geworden und aus dem Bayern ein Kreter. Kreta – das ist die Insel, wo der Mythos zu spüren ist; auf der Dorn die unverstellte Natürlichkeit der Einheimischen genießt, wo er Kraft und Klarheit sammelt für seine Inszenierungen. Denn Angebote gibt es noch zur Genüge, nächstliegend von den Salzburger Festspielen und dem Opernhaus seiner Heimatstadt Leipzig.

Und das alles mit nunmehr 80 Jahren? Aber die glaubt ihm doch sowieso nicht, wer ihn durch Schwabing radeln sieht oder auf einer Spritztour mit seinem Porsche begegnet und schon gar nicht, wer mit ihm spricht oder erlebt, wie er auf der Bühne die Figuren von Drama oder Oper unmerklich und meisterhaft zu Zeitgenossen macht. Jünger kann man wirklich nicht sein. Salut!

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