Auf der Suche nach dem Sinn

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ARD . Aelrun Goettes Fernsehfilm „Im Zweifel“ über eine Frau, die ein Verkehrsunfall beruflich und privat aus der Bahn wirft.

Von Tilmann Gangloff

Unter anderen Voraussetzungen wäre diese Geschichte garantiert zum Krimi geworden. Judith Ehrmann, eine evangelische Pastorin wird als Notfallseelsorgerin zu einem Verkehrsunfall gerufen und erfährt, dass ein zweites Fahrzeug verwickelt war, dessen Fahrer das Weite gesucht hat. Die Beschreibung des Wagens passt – auf den Kombi ihres Mannes, der sein Auto tatsächlich wegen eines Schadens am Kotflügel in die Werkstatt bringen muss. „Im Zweifel“, zu sehen an diesem Samstag um 20.15 Uhr im Ersten, ist jedoch kein Krimi, selbst wenn die Frage, ob der Ehemann tatsächlich in den Unfall verwickelt war, eine Weile lang für zusätzliche Spannung sorgt.

Das ist jedoch nur oberflächlicher Nervenkitzel, im Kern geht es um etwas ganz anderes. Die schon mehrfach ausgezeichnete Drehbuchautorin Dorothee Schön („Frau Böhm sagt Nein“, „Der letzte schöne Tag“) erzählt eine Geschichte, die von dem prägnanten Titel perfekt zusammengefasst wird. Die von Claudia Michelsen mit einer Mischung aus Fragilität und großer innerer Stärke verkörperte Pastorin stürzt in einen Abgrund des Zweifels über ihr Leben.

Der Unfall löst eine regelrechte Kettenreaktion aus. Zunächst geht es nur um ihren Mann, dann um ihre Beziehung, schließlich um ihr Selbstverständnis als Ehefrau und Mutter – und am Ende auch um ihren Glauben. Natürlich ist das ein Dramenstoff, aber Schön gelingt das Kunststück, die Sinnsuche gewissermaßen hinter den Bildern ablaufen zu lassen. Vordergründig erzählt der von Aelrun Goette mit großer Intensität inszenierte Film viele kleine Episoden, weil er die von ihrem Mann mal abschätzig als „Heilige Judith von Brandenburg“ bezeichnete Pastorin in ihrem Alltag zeigt. Daher ist der Film auch eine Hommage an eine Frau, die für eine offene Kirche streitet und sich dazu berufen fühlt, den Menschen zu helfen.

Andererseits stellt Schön diese Berufung auch in Frage, denn Judith ist jederzeit für alle Mitglieder ihrer Gemeinde da, bloß nicht für ihre Familie. Und dann ereilt sie auch noch das Angebot, für das Amt der Landesbischöfin zu kandidieren, doch dafür müsste sie natürlich die Gemeindearbeit aufgeben.

Schon der Einstieg mit der spektakulären Inszenierung des Unfalls signalisiert, dass Goette, auch sie bereits ausgezeichnet („Unter dem Eis“, „Keine Angst“), die Geschichte nicht als Psychogramm erzählen will. Die Szenen mit Judith als Notfallseelsorgerin haben fast dokumentarischen Charakter und wirken wie eine Hommage an Menschen, die sich ehrenamtlich für solche Aufgaben engagieren.

Darüber hinaus sind die Arbeiten Goettes immer auch Schauspielerfilme. Da ist vor allem natürlich Claudia Michelsen zu nennen, die im Magdeburger „Polizeiruf 110“ (ARD) bisher spürbar mit der Rolle der Kommissarin fremdelte, hier aber zeigen darf, was sie kann. Von der besonderen Qualität der Regisseurin bei der Führung ihrer Darsteller profitiert aber auch Henning Baum, der dank des markigen „Letzten Bullen“ und Rollen wie des Götz von Berlichingen sehr frei nach Johann Wolfgang von Goethe gemeinhin als Prototyp des harten Kerls gilt. Hier sind es gerade die eher angedeuteten als tatsächlich gespielten Zwischentöne, die seine Rolle als Ehemann buchstäblich bis zur letzten Einstellung in der Schwebe lassen.

Sehr schön konzipiert ist auch die Figur, die Schön zwischen das Paar platziert hat. Schon am Unfallort fühlt sich Judith zum ermittelnden Kommissar (Thomas Loibl) hingezogen, der zwar nicht ihren Glauben teilt, sich aber dennoch als Bruder im Geiste entpuppt.

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