DAS MUSEUM BRANDHORST ZEIGT DEN ERSTEN UMFASSENDEN ÜBERBLICK ÜBER JUTTA KOETHERS MALERISCHES SCHAFFEN

Suche das Geheimnis

Ausstellung . Von Simone Dattenberger.

Das Münchner Brandhorst-Museum hat sich wieder einmal aufgemacht, um eine Künstlerpersönlichkeit zu finden, die bei uns noch nicht museal abgefieselt wurde. Für Jutta Koether, 1958 in Köln geboren und in New York sowie Berlin lebend, hat sich Achim Hochdörfer entschieden. Der Brandhorst-Chef kuratierte die Ausstellung „Jutta Koether – Tour de Madame“ zusammen mit Tonio Kröner vom Luxemburger Musée d’Art Modern. Da sie sich zu einer Œuvrepräsentation entschlossen haben – die erste überhaupt –, folgt die Darstellung der Chronologie des Schaffens. Damit die Retrospektive wirklich funktioniert, wurde neben dem Untergeschoss ein Großteil der Dauerausstellung abgeräumt (Parterre).

Das Herzstück der Schau mit über 150 Gemälden ist „Tour de Madame“. Das ist ein zwölfteiliges Bilder-Panorama. Im Halbrund gehängt ruft es – gerade im Museum Brandhorst – den Lepanto-Zyklus von Cy Twombly ins Gedächtnis des Betrachters. Eine fatale Assoziation, denn Koether kann dem Vergleich malerisch nicht standhalten – und möchte das wahrscheinlich auch nicht. Für ihre „Tour“ nutzt sie ungeniert eine zunächst bieder gegenständliche Malweise, die zeichnerisch geprägt ist. Die meisten Tafeln sind in heller, luftiger Manier gestaltet, und es tauchen die Motive auf, die dem Betrachter während seines Rundgangs bereits begegnet sind: etwa das glückliche Paar, das schöne Antlitz, die Kugeln, die Perlen oder Obst sein können, der Hermaphrodit, der Astronaut, der Krückstock oder die Fliege für den Herrn. Im Würfeldekor zitiert Jutta Koether nicht nur ihre Farbstudien à la Kandinsky und Klee, sondern auch das Pixelsystem oder rustikal gewürfelte Tischdecken. Überhaupt spürt die Künstlerin im aktuellen Schaffen, das etwas ermüdet wirkt, auch der Kraft des Ornaments, der Vignette, des Musters nach. Vielleicht ein Versuch, frische Anregungen zu finden.

In den Achtzigerjahren waren die jungen Leute ebenfalls ermüdet, und zwar von der vorherrschenden Konzeptkunst und der ungegenständlichen Malerei. So fetzten sie ohne Hemmungen los und wurden unter dem Schlagwort „Junge Wilde“ subsumiert. Koether tastete sich in diesem Umfeld zu ihrer Technik, ihren Formulierungen und ihren mit Geheimnissen aufgeladenen Zeichen. Sie spielte in kräftigen, pastosen Farben mit Hieroglyphen, Graffiti, surrealen Vereinzelungen. Auf vielen kleinen Formaten wurden die Elemente durchgespielt. Und manchmal knallte die Erkenntnis: Aus dem an die Art Brut angelehnten Gemälde „Boxerfrau“ machte die Künstlerin ein kindliches Vexierbild. Je nachdem, worauf man das Augenmerk legt, blickt sie einen mit großen Augen an – oder diese sind Brüste. Nur etwas ist eindeutig, die Boxhandschuhe. Deren Bänder schwingen sich zum verbundenen Arm der Frau, der bei anderem Blickwinkel wie eine Zahnreihe erscheint.

Verbindungen herzustellen, mit denen man nicht unbedingt rechnet, ist die durchgängige Strategie von Jutta Koether. Damit stürzte sie sich in ihre Dunkelrot-Phase, integrierte Text, brachte nicht nur in „Hirtengesängen“ Bukolik-Sehnsüchte ins Spiel, packte den Schmuck-Schnickschnack von Pop, Rock und Punk auf farbglasig überzogene Objektbilder, um schließlich auf Großformaten ein derart heftiges Liniengeflecht explodieren zu lassen, dass man zunächst gar nichts sieht. Ihre Wimmelbilder geben nur zum Teil ihre Geheimnisse preis. Vor allem aber formulieren sie drastisch, wie viel täglich auf uns einstürzt. Wie finden wir in all dem das große Ganze?

In dem scheinbaren Chaos, das Koether auslöst und zugleich zähmt, ist sie künstlerisch ganz bei sich. Ruhezonen betritt sie mit ihren Huldigungen an Walter Benjamin und William Burroughs. Der eine wird „porträtiert“ in anmutigen, hauchfeinen Silber- und Goldlinien, der andere in einem flauschigen Gewirr. Hier ist die Malerin unerreicht. Mutig gibt sie diese Souveränität immer wieder auf. Sie experimentiert mit Materialien, dekliniert Schwarz unermüdlich, trainiert Naivität genauso wie Gestisches, schaut auf Kollegen wie Balthus, Freud, Broodthaers oder Bacon. Gerade darin wird deutlich, dass Jutta Koether im Augenblick erneut auf der Suche ist.

Bis 21. Oktober,

Di.-So. 10-18, Do. bis 20 Uhr; Theresienstraße 35a; Telefon: 089/ 238 05 22 86.

Kommentare