FELICITAS HOPPE LÄSST IN IHREM ROMAN „PRAWDA“ SKURRILE GESTALTEN AUF EINE VERSPONNENE USA-REISE GEHEN

Im Strudel der Anekdoten

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NEUERSCHEINUNG . Von Alexander Altmann.

Gemeinhin macht der Mensch von heute gerne Urlaub in der großen, weiten Welt oder wenigstens in Österreich. Manche aber lassen lieber reisen, um dann gemütlich auf dem eigenen Sofa nachzulesen, was Dichter über ihre Erlebnisse in fernen Erdteilen zu berichten haben. Der Grund für dieses Passiv-Reisen mag Sparsamkeit sein, Bequemlichkeit oder eine gewisse Ängstlichkeit. Vielleicht steckt hinter dem Hang, bloß zwischen zwei Buchdeckeln auf Tour zu gehen, aber auch eine tiefere Einsicht. Denn: „Sobald ein Wunsch in Erfüllung geht, rächt sich die Wirklichkeit an den Träumen“, stellt Felicitas Hoppe fest, und sie muss es als weit gereiste Schriftstellerin wissen. Aber eigentlich haben wir ja alle schon diese Erfahrung gemacht, dass (nicht nur beim Reisen) die Realität manchmal nicht mithalten kann mit den Vorstellungen, die wir vorher von ihr hatten.

Ob es auch so war bei der Reise, die Felicitas Hoppe jetzt von den Niagarafällen übers kalifornische „Siliciumtal“ einmal quer durch die USA und zurück führte, sei dahingestellt. Denn bei dieser Autorin gehen reale Erlebnisse und surreale Fantasie stets eine so untrennbare Verbindung ein, dass das Ergebnis zum Glück ohnehin nicht als herkömmlicher Reisebericht durchgeht. Dass ihr jüngstes Werk, das von einer USA-Reise handelt, „Prawda“ heißt, ist insofern natürlich ironisch zu verstehen. Denn das russische Wort bedeutet bekanntlich „Wahrheit“ – und war der Name jener sowjetischen Parteizeitung, die es mit der Wahrheit gerade nicht immer so genau nahm.

Der fundamentale Unterschied ist freilich, dass Felicitas Hoppe sich von vornherein zur Flunkerei bekennt, weil gerade in ihrer grotesken Verzerrung des Vertrauten der Blick auf die tiefere Wahrheit einer absurden Realität frei wird. Wie immer bei der Büchner-Preisträgerin, spielt es folglich auch nicht die entscheidende Rolle, was in dem Buch erzählt wird.

Das Ereignis ist vielmehr ihre ungeheuer gekonnt rhythmisierte Prosa, die den Leser sofort mit der Gewalt eines Strudels hineinzieht in den glitzernden, munter mäandernden Fluss aus schnurrigen Anekdoten, Eindrücken, Ideen, Assoziationen und literarischen Anspielungen, in dem beiläufig immer wieder auch witzige Aphorismen aufblitzen: „Es ist nicht der Inhalt, sondern einzig die Form, die die Erinnerung sichtbar macht“, stellt die Autorin etwa fest, die damit auch gleich die Poetik ihres eigenen Werks formuliert.

Mit ihrer Melodik, Ihren Motiv-Variationen erreicht Hoppes Sprache jedenfalls eine derartige Musikalität, dass einen gelegentlich der Verdacht beschleicht, dieses Buch sollte eher in der Rubrik „Konzertkritiken“ besprochen werden. Wie sich’s für ein Roadmovie, als dessen Parodie man diesen Roman auch verstehen kann, gehört, reist die Ich-Erzählerin mit einem munteren Grüppchen skurriler Gestalten, als da sind: die kettenrauchende Wienerin, die schon lange als Professorin in Amerika lebt, ein ukrainischer Landschaftskünstler auf Kakteensuche und eine zuckerkranke Fotografin aus Halle, die Bilder für ihre Serie „Bräute am Wegrand“ macht, aber eigentlich von einer „hollywoodianischen Zukunft“ träumt. Dass einem diese „schrecklichen Vier“ vorkommen wie Spitzwegfiguren des Globalisierungszeitalters, verwundert kaum. Letztlich sind Felicitas Hoppes Bücher ja nichts anderes als listige Idyllen, deren zweckfreie Versponnenheit den Irrsinn unserer funktionalistischen Gegenwart besonders grell konterkariert.

Felicitas Hoppe:

„Prawda. Eine amerikanische Reise“.

S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 319 Seiten; 20 Euro.

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