ROMEO CASTELLUCCI INSZENIERTE „SALOME“ IN DER FELSENREITSCHULE ALS EIN THEATER-URERLEBNIS – DER ABEND IST EIN TRIUMPH

Mit steinkalter Wucht

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Nicht den Kopf des Propheten erhält Salome (Asmik Grigorian), sondern den seines animalischen Alter Egos. Foto: Ruth Walz

Premieren bei den Salzburger Festspielen . Weit oben, fast unterm Dach hängt eine schwarze Mondscheibe.

Doch als das Tierwesen in einer Bodenöffnung erwacht, wächst dort heraus ein anderer Trabantenschatten. Über alles verbreitet er sich. Über die Arkaden der Felsenreitschule, die in dieser Aufführung zugemauert sind, „stumm“, wie der Regisseur sagt. Über den spiegelglatten Boden, auf dem gelegentlich Leichensäcke liegen oder auf dem der Goldthronquader von Herodes steht. Vor allem aber wächst das Dunkel über eine zarte Frau in Weiß, von der jenes animalische Etwas ans Tageslicht gezwungen wurde. Und dieses gibt es in zweierlei Gestalt: in der des zotteligen, pure Baritonerotik verströmenden Jochanaan von Gábor Bretz. Und in Gestalt von Gerrit, einem Pferd, das auf halber Höhe in der Zisterne wandert.

Viel mehr passiert noch von diesem szenischen Raunen. Entziffern, decodieren, begründen, das wäre eine Tagesaufgabe – und muss auch gar nicht sein. Selbst wer sich dem Assoziationsfluss von Regisseur und Ausstatter Romeo Castellucci nur willig überlässt, ist gebannt von einem Theater-Urerlebnis: „Salome“ wird bei den Salzburger Festspiele zum weit über diesen Sommer hinausreichenden Triumph. Auch weil Castellucci bei Richard Strauss eine wesentlich passendere Spielwiese gefunden hat als bei Wagners „Tannhäuser“ in München. Wo der Italiener Charakterschärfungen betreiben, wo er Individuen plastisch und menschlich machen müsste, versagen seine Mittel. Wo es aber um stücküberwölbende Kraftfelder geht, um Archetypisches, um eine oft auf Giga-Format vergrößerte Zeichenhaftigkeit, ist er am besten.

Castelluccis „Salome“ speist sich aus Archaik, Esoterik, Kitsch und der Gewalt der Verweigerung. Dass es auch zur Überwürzung mit Symbolen kommt, mindert die Wirkung der 100 Minuten nicht. Personen sind mehr Ornament einer bewegten Installation, werden aber, auch das macht diese Produktion groß und eindrücklich, nicht weggeblendet. Es ist ein Schreiten, ein rituelles Verhalten, das diese Figuren über die Bühne treibt. Und fast selbstverständlich, dass es keinen Tanz gibt. Zum Embryo zusammengeschnürt kauert Salome opfergleich auf einem Quader, während von oben ein Fels herabgelassen wird, der sie zu zerquetschen droht. Ihr Preis, den sie dafür bekommt, ist nicht der Kopf des Propheten, sondern den seines animalischen Alter Egos. In einem kreisrunden Milchsee nimmt sie den Pferdekopf entgegen, „beobachtet“ vom kopflosen Torso Jochanaans. Mehr ist auch gar nicht erforderlich: Die genau gestufte Vehemenz, die Franz Welser-Möst am Pult der Wiener Philharmoniker einfordert, dieses souveräne Ausspielen einer Detailüberfülle, sagt genug.

„Te saxa loquuntur“, „von dir sprechen die Steine“, steht anfangs auf dem Gazevorhang – dieselben Worte wie ein paar Meter weiter am Mönchsbergtunnel. Genau das passiert mit Castelluccis erratischen szenischen Setzungen, die den Einakter auf faszinierende Art förmlich explodieren lassen. Jeder Einfall erwächst aus der Verschränkung von Psychoanalyse, Historischem, Literatur und Dramengeschichte. Einem Symbolgewitter in Zeitlupe wird man ausgesetzt, in dem das einzig fassbare, dreidimensional inszenierte Wesen die Titelheldin ist. Asmik Grigorian muss Richard Strauss in seinen Träumen erschienen sein, als er einst seinen Welterfolg konzipierte. Die Litauerin, im vergangenen Jahr Salzburgs „Wozzeck“-Marie, ist als Salome vieles, vor allem ideal. Zerbrechlichkeit, Unbedingtheit, eine herbe, grenzgängerische Schönheit, eine Kontrolle trotz aller Emphase, ein schier übermenschlicher Gestaltungswillen, all das spricht aus ihrem Gesang und ihrem Spiel.

Auch die übrigen Solisten, Anna Maria Chiuri als wohltuend unbizarre Herodias, John Daszak als oft gleißender Herodes oder Julian Prégardien als Narraboth mit luxuriöser Tenor-Eleganz bewegen sich auf ortsangemessenem Niveau. Schönheit und Schauer durchdringen sich in dieser Aufführung, die das Publikum mit steinkalter Wucht erwischt. Standing Ovations nach verdattertem Schweigen. Ein Kult-Abend in jeglicher Hinsicht.

Weitere Aufführungen

am 1., 9., 12., 17., 21. und 27. August; Telefon 0043/ 662/ 8045-500; Aufzeichnung auf 3sat am 11. August um 20.15 Uhr.

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