Starke Schauspielmusik

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Uraufführung von Nikolaus Brass’ „Sommertag“ nach Jon Fosse bei der Münchener Biennale. von gabriele luster.

Allein der Viola gehört ein intensives Intermezzo, in dem sie alles zu reflektieren scheint, was den „Sommertag“ von Jon Fosse ausmacht. Nikolaus Brass, der Münchner Komponist, hat das Drama des Norwegers für seine erste, abendfüllende Oper adaptiert und erlebte am Montag im Schwere Reiter mit vielen Neugierigen deren Uraufführung im Rahmen des „biennale special“.

Für viele Zuhörer, aber vor allem für die Dramaturgie des Stückes war das Bratschen-Solo zu lang. Dennoch wunderbar, weil Gunter Pretzel die Möglichkeiten seines Instruments ausschöpfte: Er ließ es singen und schreien, durchmaß die Gefühlsskala der Protagonisten von Sehnsucht bis Aufruhr. Ganz ohne Worte.

Deren werden viele gewechselt, im Original wie in Nikolaus Brass’ komprimiertem, in zwölf Szenen gefasstem Libretto. Zur Kommunikation taugen sie nicht. Es sind Floskeln, die nichts darüber sagen, was die vier Namenlosen und Asle, den Ehemann, der aufs Meer entflieht, in ihrem Innern beschäftigt. Oft sind es die Instrumente, die sprechen: Der Kontrabass (Stephan Lanius) für Asles gealterte und die Geige (Joe Rappaport) für die noch junge Frau. Brass fasst deren Kommunikationshemmung wie eine Artikulationsstörung in Töne – bis hin zum Geräuschhaften. Das ist durchaus eindringlich und wird von den exzellenten Neuen Vokalsolisten Stuttgart mit bedingungslosem Einsatz musikalisch souverän realisiert.

Zu den fünf Sängern und dem dazu erfundenen – überflüssigen – stummen „Anderen“ gesellen sich sechs exquisite Instrumentalisten. Neben den Streichern sind das Oliver Klenk (Klarinette, Bassklarinette), Kai Wangler (Akkordeon) und Fabian Strauß (Schlagzeug). Sie verlebendigen mit großer Hingabe Brass’ Musik, die bei allem intellektuellen Tiefgang sinnlich bleibt und dabei nie geschwätzig wirkt, sondern Pausen respektiert: im lose gefügten Nicht-Zusammenhang, in den ausdrucksvollen Soli wie in den wenigen, kompakten Momenten und im quasi freien, nicht exakt notierten, sondern nur zeitlich fixierten Miteinander. Dabei bewegen sich die Instrumentalisten zuweilen im Raum, in dem auch die Singdarsteller auf einer Ebene zwischen den Publikums-Inseln agieren.

Ein schmales Holzpodest wie ein (Boots-)Steg, gegenüber eine winzige Rampe und dazwischen vier Stühle (Ausstattung: Katherina Kopp) genügen für das Haus am Fjord. Rundum an den Wänden erscheinen abstrakte Projektionen und menetekelhafte Sätze des Dramas, zuweilen ertönt auch die verstärkte Bass-Stimme aus dem Off.

Trotz dieses Rahmens, in dem Regisseur Christian Marten-Molnár die gesplittete ältere (Truike van der Poel) und junge Frau (Sarah Maria Sun), ihren Mann Asle (Martin Nagy), die Freundin (Susanne Leitz-Lorey) und deren Mann (Andreas Fischer) bis hin zu körperlichen Angriffen treibt, verfliegt manches im offenen Raum. Zumal in der zähen zweiten Hälfte. Da verfestigt sich der Eindruck einer starken Schauspielmusik, die Fosses Drama vielleicht adäquater ist als ein dramaturgisch nicht durchgehend stringentes Kammermusiktheater. Trotzdem großer Beifall für alle Beteiligten.

Letzte Vorstellung

heute, 20 Uhr;

Telefon 089/ 54 81 81 81.

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