BREGENZER BÜRO ERHÄLT WOHL ENDGÜLTIG ZUSCHLAG FÜRS MÜNCHNER KONZERTHAUS – LANDTAG DEBATTIERT KOMMENDE WOCHE

Spektakeln sollen andere

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Von Markus Thiel. Wie man es respektlos bezeichnen kann, darüber darf nun fröhlich weiterdiskutiert werden.

Musikgewächshaus, Klangspeicher oder Schneewittchensarg, der Wettbewerb um den schönsten Spitznamen ist noch lange nicht zu Ende. Auch weil eine wichtige Entscheidung offenbar feststeht: Sollten die zuständigen Landtagsgremien nichts dagegen haben, erhält das Bregenzer Architektenbüro Cukrowicz Nachbaur tatsächlich den Zuschlag für das neue Münchner Konzerthaus am Ostbahnhof.

Dies ist nach Abschluss der Verhandlungen aus dem Kreis der Entscheidungsträger zu hören. Die Planer aus Österreich hatten bekanntlich den Wettbewerb um den Saal im Werksviertel gewonnen. Einen Automatismus, dass dieser Entwurf auch tatsächlich zur Realisierung kommt, gibt es allerdings nicht. Mit den fünf Erstplatzierten musste in den vergangenen Monaten intensiv gesprochen werden. Angeblich hat vor allem der Drittplatzierte, Promi-Architekt David Chipperfield, versucht, mit finanziellem und anderem Entgegenkommen den Zuschlag zu bekommen. Dies dürfte sich nun, mit dem Votum für Bregenz, erledigt haben. In einer gemeinsamen Sitzung von Haushalts- und Wissenschaftsausschuss des Landtags soll am kommenden Mittwoch dieses Votum festgeklopft werden.

Damit schlägt der Freistaat bewusst einen anderen Weg ein als Hamburg mit seiner Elbphilharmonie. Gewollt ist keine spektakuläre, weltweit ausstrahlende Architektur, sondern ein eher zurückhaltender Entwurf. Der allerdings, darauf haben Mariss Jansons und Vertreter des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks hingewiesen, ermögliche die größtmögliche Flexibilität, was das Raumprogramm betreffe. Den Musikern, das wurde in Diskussionen immer wieder deutlich, sind Akustik und Ausstattung wichtiger als architektonische Extravaganzen.

Wie der Saal klingen soll, auch darüber wollen die Abgeordneten in der kommenden Woche sprechen. Vorgeschrieben ist auch hier ein Wettbewerb. Gleichwohl gibt es bekanntlich einen Favoriten: Yasuhisa Toyota. Der Japaner hat zwar im Falle der Elbphilharmonie einige Kritik einstecken müssen, ist aber nicht zuletzt bevorzugter Akustiker von Mariss Jansons samt einiger weiterer Pultstars – und wird, wenn nichts dazwischenkommt, zusätzlich den Umbau der Münchner Philharmonie betreuen.

Auch die Wahl des Akustikers ist eine Grundsatzentscheidung. Toyotas Säle zeichnen sich aus durch eine extreme Trennschärfe und Präsenz des Klangs, werden von manchen aber auch als zu kühl empfunden. Mariss Jansons pflegt solche Kritik mit dem Satz zu parieren, die Wärme müsse eben vom Orchester kommen. Ein typisches Musiker-Argument: Pianisten bevorzugen aus diesen Gründen die Marke Steinway.

Auf der Gegenseite finden sich akustische Lösungen, die wesentlich höhere „Hör-Temperaturen“ verbreiten, die körperhafter, „bauchiger“ tönen und eine größere Eigenresonanz mitbringen. Säle wie Luzern und Dortmund zählen dazu, Ahnvater dieses Klangs ist der Wiener Musikverein. In jüngerer Zeit gelang mit dem Saal in Breslau eine hervorragende Lösung. Das BR-Symphonieorchester und Jansons spielten dort vor gut einem Jahr und konnten tags darauf den größtmöglichen Gegensatz fühlen: Die Halle in Kattowitz geht wieder auf Toyotas Rechnung.

Während die Münchner Saal-Debatte hier vor einem Entweder-Oder steht mit leichten Vorteilen für Toyota, ist zumindest schon klar, wie das Konzerthaus betrieben wird. Der Freistaat möchte es, das wurde im März vom Ministerrat festgelegt, als Eigenbetrieb führen. Dies allerdings nicht als bloße Abspielstätte, sondern unter der Leitung eines Direktors. Der soll den Hauptnutzer Bayerischer Rundfunk, die Musikhochschule und die privaten Veranstalter koordinieren, dabei auch inhaltliche Leitlinien entwickeln. Der Titel „Intendant“ wurde in dieser Debatte fast krampfhaft vermieden: Die Nutzer fürchten offenbar, sie könnten sich mit ihren Vorstellungen gegen eine zu starke Führungspersönlichkeit nicht durchsetzen.

Nichts geändert haben dürfte sich am Baubeginn. Derzeit ist 2020 im Gespräch, ursprünglich war einmal dieses Jahr geplant. Mariss Jansons hat die Sache kürzlich sehr realistisch und pragmatisch eingeschätzt: Als Chef werde er das Konzerthaus gewiss nicht eröffnen. Aber auch für solche Anlässe, das ist dem BR-Symphonieorchester längst klar, gibt es schließlich honorige Titel. Ehrendirigent zum Beispiel.

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