Soul ohne Seele

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Michael Boltons akribisch durchgeplanter Auftritt im Circus Krone. Es ist völlig unmöglich, sich vernünftig über Michael Bolton zu unterhalten.

Entweder trifft man auf Fans, die selbst verhaltenen Skeptikern Gewalt androhen. Oder aber man sieht sich leidenschaftlichen Verächtern gegenüber, die bereits bei Erwähnung des Namens Bolton Prügel ankündigen.

Wenn man sich die exakt 90-minütige Show von Bolton im nicht ganz ausverkauften Münchner Circus Krone ansieht, versteht man schnell, weshalb der 61-Jährige derart polarisiert. Er verfügt über eine mächtige Stimme und ist ein gewiefter Musiker, aber gleichzeitig fehlt schmerzlich, worauf es ankommt: Seele. Der Auftritt ist so akribisch durchgeplant wie eine Militäroperation und in etwa ebenso herzerwärmend. Und das, obwohl Bolton sein Programm vornehmlich mit Soul-Klassikern bestreitet – ausgerechnet.

Viele seiner selbstkomponierten Hits überlässt er seinen beiden Backgroundsängerinnen, er selbst widmet sich Klassikern wie „Sitting On The Dock Of The Bay“ oder „Ain’t No Mountain High Enough“, die er zu Arrangements schmettert, die effizient all das ausmerzen, was in den Originalfassungen den Zauber ausmacht. Diese Entkernung ist strategisches Kalkül, auf die derart abgeschmirgelten Versionen kann man sich wohl generationenübergreifend verständigen. Selbst „Sweet Home Chicago“ von Robert Johnson klingt da nach Beschallung einer Betriebsfeier, und wenn Bolton bei „When A Man Loves A Woman“ mitten in der Arena auf einer Kiste steht und nach Händen Ausschau hält, die er abklatschen könnte, wird es dadurch auch nicht besser.

Bolton zieht das bewundernswert diszipliniert durch, wechselt dreimal seine Kleidung und sammelt am Ende brav die Geschenke ein, die auf der Bühne gelandet waren. Letztlich dürfen sich Fans wie Verächter bestätigt fühlen – und Bolton selbst auch: Er ist immer noch gut im Geschäft. Viele Stars aus den Achtzigern können das nicht von sich behaupten. zoran gojic

Zurück zur Übersicht: Kultur & TV

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare