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LEBEN IM GULAG – DAS ERSCHÜTTERNDE THEATERPROJEKT „AM KÄLTEPOL“ INSZENIERTE TIMOFEJ KULJABIN FÜRS STAATSSCHAUSPIEL

Sich schämen, ein Mensch zu sein

Premierenkritiken . Von Alexander Altmann.

Länger als die 75 Minuten, die diese Aufführung dauert, hätte man es nicht ausgehalten. Denn es ist nicht nur ein geografischer, sondern auch ein seelischer „Kältepol“, an den das gleichnamige Bühnenprojekt im Münchner Cuvilliéstheater (Bayerisches Staatsschauspiel) die Zuschauer führt mit einer halbszenischen Darbietung von Texten aus Warlam Schalamows „Erzählungen aus Kolyma“. Der russische Autor (1907-1982) verbrachte insgesamt 18 Jahre in sowjetischen Arbeitslagern – dem sogenannten Gulag –, und was er dort erlebt hat, berichtet er in diesem Buch.

Auf der Bühne steht links ein Lesepult mit Mikrofonen, rechts verstellt uns die penetrant schäbige Rückseite einer Containerbaracke die weitere Sicht. Während wechselnde Schauspielerinnen jeweils eine Erzählung Schalamows lesen, führen sechs weitere Schauspielerinnen im uneinsehbaren Inneren dieses Containers vor säurezerfressenen Blechwänden Szenen auf, die per Live-Video nur auf einer Leinwand über der Bühne zu verfolgen sind: Episoden, die einen Bezug zum Vorgelesenen erkennen lassen, aber auch generell als Verbildlichungen tiefsten menschlichen Leids verstanden werden können. Wenn die Akteurinnen verhärmt in zerfetzten Steppjacken und verdreckten Fliegermützen zittern, stürzen, zerschlagen werden, fällt es gar nicht mehr auf, dass sie Männer darstellen, denn sie wirken durch die Verelendung so entmenscht, dass man sie sich nicht mehr als geschlechtliche Wesen vorstellen kann.

Allzu viele Details wollen wir uns hier ersparen, nur so viel: In diesen Geschichten ist von unerträglichem Hunger die Rede, der die entkräfteten Häftlinge Hundewelpen schlachten oder gefrorene, rohe Ferkel zernagen lässt. Da wird berichtet von der Gewalt der Wachmannschaften gegen die Häftlinge und der Häftlinge untereinander, die völlig vertiert, aller menschlichen Empfindung beraubt, nur noch ums eigene Überleben kämpfen und gleichzeitig denken, „wenn ich sterbe, umso besser“. Der unermessliche Horror, von dem in Schalamows Gulag-Texten gesprochen wird, die Qual eines zerschundenen, ausgebeuteten Vegetierens in den stalinistischen Lagern ist schon beim bloßen Zuhören kaum erträglich. Und man macht die gleiche Erfahrung wie angesichts der Berichte aus deutschen Konzentrationslagern: Die Sprache reicht nicht hin, dem Schock, ja der existenziellen Kränkung darob Ausdruck zu geben, dass dergleichen unter Menschen im 20. Jahrhundert möglich war – und mancherorts noch heute möglich ist. Aber auch jeder Versuch relativierenden Aufrechnens des stalinistischen und des NS-Terrorsystems, wie auch jeder akademische Streit um die (Un-)Vergleichbarkeit dieser Menschheitsverbrechen erscheint dem Zuschauer da nur noch als obszöne Verhöhnung der Opfer.

Man muss auf jeden Fall die herausragende Leistung der sechs Schauspielerinnen erwähnen, und genauso wichtig ist es, das absolut gelungene Regiekonzept des Russen Timofej Kuljabin hervorzuheben. Aber eine regelrechte Theaterkritik kann man über diese Uraufführung nicht schreiben. Das verbietet sich von selbst, weil angesichts des dargebotenen Inhalts alle ästhetischen Erwägungen frivol erschienen. So unangebracht es auch sein mag: Nach dem, was da eine gute Stunde lang im Cuvilliéstheater zu hören war, möchte man sich fast schämen, ein Mensch zu sein. Mit dem hochverdienten langen Applaus schien das Publikum sich jedenfalls auch die Last von der Seele klatschen zu müssen, die das Erlebte aufgehäuft hatte.

Nächste Vorstellungen

morgen und am 25. März; Telefon 089/ 21 85 19 40.

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