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TINA LANIK INSZENIERTE FÜR DEN MARSTALL „KREISE/VISIONEN“ VON JOËL POMMERAT

Sich zum Kasperl machen

Von Alexander Altmann. In der Mitte ist ein schwarzes Loch.

Das gilt nicht nur für unsere Milchstraße, sondern auch für die blütenweiße Spielfläche, die Ausstatter Stefan Hageneier in den Marstall des Münchner Residenztheaters gebaut hat. Wenn ein Schauspieler ins Loch schaut, wird sein Gesicht per versteckter Kamera an die tiefergelegte weiße Decke projiziert: Kuckuck! Die Zuschauer wiederum sitzen im Geviert wie um eine Manege herum. Als „galaktisch gut“ kann man den Zirkus trotzdem nicht bezeichnen, den Tina Lanik da rund ums schwarze Loch aufführt. Denn spätestens, wenn zu wallendem Nebel die alten Rittersleut im goldenen Harnisch hereinscheppern, merkt man, dass die Regisseurin Spezialistin fürs Kindertheater zu sein scheint.

Als leicht grotesk angehauchtes, aber dank der Verwendung silbriger Discokugeln auch furchtbar poetisches Zirkuszaubermärchen für Erwachsene inszenierte Regisseurin Lanik das Stück „Kreise/Visionen“ von Joël Pommerat. Ob der 1963 geborene Franzose wirklich der wichtigste, aktuelle Theatermacher seines Landes ist, sei dahingestellt, auf jeden Fall ist er ein konservativer Kulturkritiker ohne Furcht und Tadel. In einer Szene, die anno 1370 spielt, lässt er eben besagten Rittersmann klagen, dass die guade oide Zeit vorbei sei, da Armut noch als Tugend galt und Gott das Maß aller Dinge war. Stattdessen regiere neuerdings nur das Geld.

Dass die Folgen dieses fundamentalen Wertewandels seither tagtäglich zu erleben sind, will das Stück mit einer Fülle kurzer Szenen illustrieren. Sie führen vor, was es für den Menschen bedeutet, dass er heute statt an den lieben Gott vielmehr an sich selbst glauben soll, wie ihm Motivationstrainer („Werden Sie Ihr eigener Gott!“) und sonstige Volkspädagogen ständig einbläuen, die von „Eigenverantwortung“ schwafeln. Da sieht man also in einer kabarettistischen Szene Langzeitarbeitslose zwangsweise an einem Seminar teilnehmen, das sie durch Bewerbungs-Rollenspiele qualifizieren soll, sich selbst besser zu verkaufen(!). Vielleicht tragen die Akteure ja deshalb alle graue Clowns-Perücken und lila Zirkusfräcke, weil sie Figuren darstellen, die gezwungen sind, sich zum Kasperl zu machen.

Eine ernster gehaltene Episode zeigt, wie 1914 ein Kammerdiener (Till Firit) buchstäblich in Schwulitäten kommt, weil er sich der homosexuellen Begehrlichkeiten seines adeligen Dienstherren (Thomas Huber) erwehren muss, von dem er doch ökonomisch abhängig ist. Dann wiederum wird ein klinkenputzender Vertreter vorgeführt, der 2007 ziemlich erfolglos versucht, irgendwelche Erfolgsratgeber an den kleinen Mann (Anna Graenzer) zu bringen.

Für die acht Schauspieler ist all das natürlich ein Fest. Denn sie dürfen ihrem Affen Zucker geben und saftig drauflos chargieren. Aber weil es sich um lauter hochkarätige Darsteller, quasi Stars in der Manege, handelt, ist das auch für die Zuschauer phasenweise recht unterhaltsam. Richtig schräg, also gut, wird die Aufführung aber nur einmal: Da singen und spielen alle Akteure auf Kinderinstrumenten die Rock-Schnulze „Walk on the wild Side“; und in dieser ironisch-absurden Verfremdung sind all die Widersprüche, die zuerst nur in besseren Sketchen brav humoristisch vorbuchstabiert wurden, plötzlich erschreckend komisch präsent. Begeisterter Beifall.

Nächste Aufführungen

am 4. und 16. Juni sowie am 3., 13. und 25. Juli; Karten unter Telefonnummer 089/ 21 85 19 40.

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