BALLONFAHRER GÜNTER WETZEL ÜBER SEINE FLUCHT IN DEN WESTEN, DIE MÜHSAME VORBEREITUNG UND STASI-MITWISSER

„Sechs Tage später, und sie hätten uns gefasst“

Petra und Günter Wetzel foto: ursula Düren/ dpa

von matthias bieber. Günter Wetzel wirkt klar, nüchtern, fokussiert.

Ein Typ, der sich nicht primär von Gefühlen leiten lässt. „Dass ich so veranlagt bin, ist sicher ein Kriterium, warum die Flucht im Heißluftballon geklappt hat.“ Und weil er landein, landaus Vorträge an Schulen hält über die spektakuläre Luft-Flucht aus der DDR in die BRD, sind seine Erinnerungen nach wie vor frisch.

Auch deshalb hat der 63-Jährige eine informative Webseite eingerichtet: Unter www.ballonflucht.de findet man akribisch aufgezeichnete Einzelheiten über die Idee, den Ballonbau, die Flucht und etliche Zahlen nebst Bildergalerie. Die zweite Motivation für diese Aktion: „Es wurde im Laufe der Jahre so viel Falsches geschrieben.“

Ob sich ihm besondere Bilder eingebrannt haben von der Flucht? „Das waren so viele Ereignisse, das ist schwer zu sagen.“ Aber eines fällt ihm doch ein: „Wir wussten nach der Landung ja nicht, ob wir es in den Westen geschafft hatten. Wir waren erschöpft, es war drei Uhr nachts. Wir bekamen zwar Hinweise durch die landwirtschaftlichen Maschinen auf einem Bauernhof, die es im Osten eigentlich nicht gab, – aber sicher waren wir erst, als wir die Polizisten getroffen hatten. Dann ist die Spannung von uns abgefallen.“

Im Nachhinein erfuhr er, wie knapp die Stasi ihnen auf den Fersen war. „Sechs Tage später, und sie hätten uns gefasst.“ Die Vorbereitung zur Flucht war mühsam. „Die ersten zwei Ballons haben nicht funktioniert. Dann wurde ein Flucht-Ballon auf DDR-Gebiet gefunden, die Volkspolizei suchte nach den Urhebern.“ Die Idee war also den Oberen bekannt. Dennoch wagten die Familien Wetzel und Strelzyk den dritten Versuch. Datum: 27. August 1979.

„Wir mussten den Stoff für den Ballon in der ganzen DDR zusammenkaufen. Wir brauchten 1250 Quadratmeter und konnten nicht mehr als 40, 50 Meter am Stück erwerben, ohne Verdacht zu erregen. Offizielle Begründung war, dass wir alles für eine Camping-Ausrüstung brauchten.“ Das Projekt war nicht nur nervenaufreibend, sondern auch teuer – Günter Wetzel beziffert die Kosten auf 40 000 bis 50 000 Ostmark.

Und wie fühlt sich das an, wenn man alles auf eine Karte setzt? Wetzel überlegt kurz: „Wir waren uns der Gefahr gar nicht so bewusst. Das Leben in der DDR wurde immer schlimmer, wir wurden immer unzufriedener, man hatte auch keine beruflichen Aufstiegschancen.“

Als die Flucht gelungen war, blieb immer noch die Frage nach den zurückgebliebenen Angehörigen. „Wir hatten niemandem von unserem Vorhaben erzählt. Nur meine Mutter wurde verhört, doch die war ebenso überrascht wie alle anderen. Ansonsten gab es zum Glück für niemanden Repressalien. Aber es war hart, sich klarzumachen, dass man viele Menschen vielleicht nie mehr wiedersehen wird.“ Und dennoch: „Für uns hat sich das Leben in der BRD so erfüllt, wie wir es uns vorgestellt hatten.“

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