„LOHENGRIN“ ZUR ERÖFFNUNG DER BAYREUTHER FESTSPIELE ENTTÄUSCHT SZENISCH, BIETET MUSIKALISCH ABER ÜBERRAGENDES

Schwachstrom-Märchen

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Erkaltete Romantik mit König Heinrich (Georg Zeppenfeld, o.) sowie Ortrud (Waltraud Meier, li.), Lohengrin (Piotr Beczala) und Elsa (Anja Harteros). foto: Enrico Nawrath/ B. Festspiele

Premierenkritik . Sehr spät löst sich das Rätsel.

Genau genommen, man kann es im Mitschnitt nachhören, nach drei Stunden, elf Minuten und 58 Sekunden. Seinen verbotenen Namen mag der Held erst dann preisgeben, doch da gibt es eine große Plaudertasche, die lange vorher nicht an sich halten konnte. Sie sitzt im Graben, ist Musikdirektor am Grünen Hügel und dirigiert ein Vorspiel, nachdem man eigentlich das Haus verlassen könnte. Das meiste ist nach diesen Minuten gesagt und verraten, das ganze Drama auf seinen Nukleus reduziert: So, wie Christian Thielemann mit dem Festspielorchester dieses Vorspiel materialisiert, hat man es wohl noch nie gehört.

Alles ist drin. Die Gralswelt in ihrem jenseitigen Hoffnungsschimmer, die Verdichtung der Tragödie, das Aufbäumen und wie verzweifelte Verebben, und all das nicht nur als großer, nicht enden wollender Bogen, sondern als Summe unzähliger Details. Ob man jemals diese gegenläufige Streicherstimme wahrgenommen hat? Selbst Wagnerianer müssen da stutzen. Den ganzen Abend geht das so weiter. Mal fummelt Thielemann nur kurz an einem Regler, mal holt er völlig selbstverständlich einen anderen vergessenen Karfunkelstein ans Licht. Steigerungen entwickeln sich mit überlangem Atem. Es gibt phonstarke, aber immer in ihren Schichtungen geordnete Momente, meist aber einen wie antimartialischen, anti-klischeehaften, behutsam angefassten „Lohengrin“. Oft klingt es, als sei dies Debussys bestes Stück. Und man bemerkt dabei auch ein Augenzwinkern, mit dem Thielemann und seine Musiker der vereinigten Wagnerwelt signalisieren: Heute zeigen wir’s euch.

Besonders das wird also bleiben von dieser Eröffnungsvorstellung der Bayreuther Festspiele. Eine Interpretation, die nicht nur aus Kontrolle und Analyse geboren ist, sondern auch aus einer großen, wissenden Spiellust. Und die deshalb umso deutlicher hervortritt, weil ihr die Szene so gut wie nichts entgegensetzt. Gut, Künstlerstar Neo Rauch und seine Frau Rosa Loy sind in ihren Atelier-Meditationen zu einer ansprechenden Ausstattung gekommen. Ein riesenhafter Spielzeugbaukasten ist dabei herausgekommen. Ein Umspannwerk gibt es, mehr Kirche mit Rosette als Trafo-Bau. Viel gemaltes und wanderndes Schilf, Himmels- und Meeresflächen, die – wie fast alles – in frostigem Blau schimmern. Komplementär dazu das Orange der hohen Bühnenrahmen, überhaupt eine weite Landschaft, die vieles sein will: Märchen, Zitat alter niederländischer Malerei, Traum und Heimat für Insektenwesen, die mangels Flugfähigkeit zurückgeworfen sind auf sich selbst. Und denen manchmal das Aus droht so wie Telramund, dem Lohengrin im lustigen Luftkampf zweier Doubles einen Flügel ausgerissen hat.

Mit Logik, so ist es oft im Märchen, muss man gar nicht weiterkommen. Eine erkaltete Romantik führen Rauch und Loy vor. Man spürt, welch wunderliches, auch verschrobenes Szeneriegefäß dies sein könnte für einen Regisseur, der es mit eigenen Akzenten füllt. Yuval Sharon freilich, der vor zwei Jahren für Alvis Hermanis diese Produktion übernahm, will einfach nur nett sein. Es passiert so gut wie nichts. Beim ersten Auftritt Lohengrins im nüchternen Overall funkt und blitzt es: Der Mann bringt Energie und Elektrizität ins müde Brabant. Doch kommt es allenfalls zu Kriechströmen, wo man gelegentlich einen saftigen Kurzschluss ersehnt hätte. Der Chor steht und bewegt sich wie weiland bei Wolfgang Wagner (was kein Qualitätsurteil ist). Erst im dritten Akt sind stärkere Regie-Ansätze spürbar.

Sharon, so scheint es, will eine verzagte Gesellschaft vorführen, die sogar von ihrem herbeigesungenen Retter nichts hat. Als Lohengrin auftaucht, mehr Klempner im Blaumann statt glänzender Ritter, vollbringt er sein Werk anfangs mürrisch, später zutiefst enttäuscht. Doch die offenen Assoziationsräume, auf die das Regie-Team zielt, bleiben Leerstellen. Im Brautgemach kommt es wie häufig zu unfreiwilliger Komik. Und trotzdem passiert Eigenartiges: Man bleibt dran an dieser Aufführung. Spannung, Inhalt, Reflexion, all das kommt von den Sängern. Wer ihnen zuhört, erfährt hundert Mal mehr übers Stück.

Auch wenn nicht alles mit letzter Rundung und Finesse glückt: Anja Harteros hat in München eine jugendfrischere, in der Sopransubstanz reichhaltigere Elsa gesungen. Hier kommt es zu Verhärtungen, auch seltsamen Überprononcierungen. Alles ist genau, präzise, klug erfühlt, doch verbreitet sich in dieser Premiere manchmal wenig vom dunklen Glanz dieser Ausnahmestimme. Keine Probleme kennt dagegen Georg Zeppenfeld als König Heinrich, der sich jeden Ton mit bestechender vokaler Intelligenz zurechtgelegt hat. Tomasz Koniecznys stärkste Waffe als Telramund ist seine nie ermüdende Kondition – was nicht ganz zur Bühnenpartnerin passt.

Waltraud Meier gibt eine Ortrud, die ihre Widersacher gerade nicht mit Dezibelkämpfen erledigt. Dass dies auch ihrer langen Karriere geschuldet ist, weiß sie selbst. Man erlebt also eine leise, hintergründige, erotische Intrigantin, ein Klang gewordenes, schleichendes Gift. Die gelegentlichen Ausbrüche wirken umso stärker. Zwei, drei Extremtöne sind nicht gut kontrolliert, das ist schnell verschmerzt. Als eine der bedeutendsten Wagner-Sängerinnen unserer Zeit die Ovationen entgegennimmt, sieht man Erleichterung und Genugtuung: Waltraud Meier wird nach diesem Sommer nicht mehr zurückkehren zum Hügel, es ist einer der stärksten emotionalen Momente des Abends.

Noch größere gelingen Piotr Beczala. Seit seinem ersten Dresdner Lohengrin vor zwei Jahren singt er freier, selbstbewusster. Vieles, Kostbares kommt bei ihm zusammen. Die Schönheit des Timbres, die Sicherheit in der Disposition, die Textklarheit, die kleine Träne im Timbre, die organische Weitung seiner lyrischen Stimme, der hinreißende Schuss Lehár, der Wagner so guttut, vor allem eine Detailarbeit, die nichts ausstellt: Wenn Beczala singt, dann ist dies entwaffnend natürlich. Und am Ende, bei einer Gralserzählung, die man so schnell nicht vergessen wird, schafft dieser Tenor es tatsächlich, den musikalischen Glanz dieser Minuten zu verbinden mit der großen Verzweiflung, der wachsenden Frustration eines an der Liebe scheiternden Helden. Wenn diese Inszenierung ungewollt anknüpft ans Theater der Sechzigerjahre, so tut es Beczala auf seine Weise: Es sind die größten Lohengrin-Sänger, die hier ihren Nachfolger gefunden haben.

Informationen:

TV-Aufzeichnung an diesem Samstag, 20.15 Uhr, auf 3sat;

Video-Stream der Premiere im Internet unter www.br-klassik.de/concert/ausstrahlung-1485790.html.

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