DIE KAMMEROPER MIT „DICHTERLIEBE“, DANIEL BEHLE UND FRIEDRICH VON THUN IN DER ANATOMIE

Schumann, Heine, Kunst und Syphilis

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Daniel Behle sang Schumanns Komposition. F: Marco Borggreve

Von Gabriele Luster. Originelle Produktionen an ungewöhnlichen Orten – das ist ein Markenzeichen der Kammeroper München (KOM), die am Samstag in die Anatomische Anstalt der LMU lud.

Rund 450 Gäste fanden im amphitheatralischen Hörsaal unter der Jugendstil-Kuppel Platz und wurden mit Musik, Rezitation und medizinischen Exkursen unterhalten und informiert. Schumann und Heine prägten den Abend, und des Komponisten Liedzyklus „Dichterliebe“ auf Gedichte des verehrten Poeten bildete den Höhepunkt.

Alexander Krampe, bekannt als ebenso souveräner wie witziger Arrangeur großer Opern fürs KOM-Kleinformat, entwarf die Konzeption. Er konnte nicht nur auf die elf wohlvertrauten Musiker bauen, sondern auch auf Privatdozent Peter Reilich, der stilecht im weißen Kittel auftrat, und als Wissenschaftler den Weg freimachte für zwei renommierte Künstler: den Tenor Daniel Behle und den Schauspieler Friedrich von Thun. Letzterer ließ Dichter und Komponist lebendig werden, erzählte von ihrer kurzen, frühen Begegnung in München, der trotz Schumanns Vertonungen kein weiterer Kontakt folgte. In markanten Umrissen wurden die beiden Persönlichkeiten skizziert, ihr Leben, ihr Lieben bis hin zum elenden, durch die Syphilis verursachten Siechtum und Tod.

Informationen über die seit Ende des 15. Jahrhunderts bekannte, im 19. Jahrhundert weitverbreitete Geschlechtskrankheit steuerte der medizinische Fachmann bei, dessen Ausführungen auf der großen Leinwand erschienen. Klingt akademisch und war doch so kurzweilig und zuweilen gar humorig, dass das Publikum auch seinen Spaß hatte. Krampes Zauberformel dafür: Er verschnitt die kurzen Textschnipsel mit Musik. Schumanns Klavierquintett op. 44 arrangierte er fürs Kammerensemble (natürlich mit Akkordeon und Gitarre) und zerhackte auch die Musik, die im Wechsel mit dem Wort erklang. Eine Kombination, die, wenn sie im scharfen Schnitt aufeinanderfolgte, große Wirkung machte, aber leider oft vom Applaus zerrissen wurde. Vor allem im mit großer Intensität musizierten 2. Satz „In modo d’una Marcia“ umkleidete die Musik die medizinischen Exkurse wie ein Trauerschleier.

Daniel Behle, neugierig auf ungewohnte Wege, traf bei der „Dichterliebe“ nicht auf den gewohnten Partner am Klavier, sondern auf das von Karsten Nagel vorzüglich einstudierte und autark agierende Kammerensemble. Die Abstimmung gelang gut, und so hörte sich auch der anfangs Irritierte ein: etwa in die instrumentale Vielfarbigkeit „Am leuchtenden Sommermorgen“ oder in die von Streichern gemeißelte Würde von „Im Rhein, im heiligen Strome“. Behles noble Stimme, Stilsicherheit, Textgenauigkeit und der zurückhaltende Ausdruck machten die „Dichterliebe“ zu dem, was sie ist: das Werk zweier Meister.

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