Die Schönheit und das Daten-Biest

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Der Münchner Künstler Mario Klingemann alias Quasimondo setzt für seine Bilder-Ketten auch auf den Algorithmus der Computer. Foto: Camille Froment

Wie kreativ ist ein Computer? Der Internetriese Google experimentiert in seinem Pariser „Lab“ mit den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz. Klingt nach Spielerei, wirft aber Fragen auf, zum Beispiel: Kriegt der Künstler aus Fleisch und Blut Konkurrenz? Ein Besuch in Paris.

von Marcus Mäckler

Tief im Grunde seines Motherboards ist dieser Computer ein Romantiker, jedenfalls dichtet er wie einer: „Dass Merkur in Schweigen glänzte und steiler Liebe, stille den Sturm, der den Himmel schüttelt.“ Na ja, einen Sinn muss man darin nicht gerade suchen, aber was heißt das schon? Es Devlin schließt die Augen und versinkt kurz in der Schönheit der Verse. „Wie poetisch“, sagt sie dann und schaut scheu unter ihrer dunklen Hutkrempe hervor. „Wunderschön.“ Devlin ist Londonerin und eine gefragte Künstlerin. 2012 hat sie die Abschlusszeremonie der Olympischen Spiele daheim in London entworfen, ansonsten denkt sie sich die Bühnenshows bekannter Musiker wie Beyoncé oder Kanye West aus. Seit Kurzem arbeitet sie mit Google zusammen, dem Internetriesen, der die Welt neu erfinden will und ein bisschen auch die Kunst. Dabei geht es um gewichtige Fragen: Was kann  künstliche Intelligenz der Kunst geben? Und je nach Ergebnis: Welche Rolle spielt dabei der Künstler?

Ihren Computer-Poeten, der eigentlich eine Kunst-Installation ist, stellt Devlin an einem grauen Märztag in Paris vor. Er sieht aus wie einer dieser Passfotoautomaten, die an Bahnhöfen rumstehen. Und zum Dichten braucht er Inspiration. Man setzt sich also rein in den Foto-Poeten-Computer und füttert ihn mit einem Wort, egal welchem; zum Beispiel „Merkur“. Ein Algorithmus durchsucht dann unendlich viele Gedichte aus dem 19. Jahrhundert und schweißt neue Verse zusammen. Hier in Paris werden sie auf eine große Leinwand projiziert, die Funktion soll’s bald auch online geben. Dann, sagt Devlin, wird jeder ein Wort zu einem unendlichen Text beitragen können. „Ich will ein kollektives Gedicht schaffen.“

Google und Kunst, das Datenmonster und die Schönheit. Das klingt seltsam, dabei ist das Unternehmen seit Jahren in dem Bereich unterwegs und leistet sich sogar ein eigenes Kulturinstitut, zu dem auch das „Lab“ (Labor) in Paris gehört. Hier, in einer alten herrschaftlichen Villa unweit der Seine, treffen sich Künstler, Kuratoren, Designer und andere Kreative, um mit Google-Entwicklern die Köpfe zusammenzustecken und kreativ zu sein. Oder wie sie hier sagen: „googley“. Die Ergebnisse landen,  sofern  sie  gut  sind, in der „Google Arts & Culture“-App. Dort kann man zum Beispiel virtuelle Museumsrundgänge machen, was ein bisschen so ist, wie Streetview zu nutzen; nur dass man nicht durch verwinkelte Hauptstadt- oder graue  Vorortstraßen läuft, sondern durch die Londoner Tate Gallery oder das Metropolitan Museum of Art in New York. Manche der Bilder sind so  scharf, dass man meint, in sie hineinkriechen zu können. Google nutzt eine selbst entwickelte Spezialkamera, um sie abzufotografieren. Die Auflösung: bis zu sieben Milliarden Pixel.

Das Museumsprojekt gibt es seit 2011, seither ist es oft kritisiert worden. Ein bisschen absurd ist es schon, dass ein Internetriese daran bastelt, den Museumsbesuch überflüssig zu machen – und das auch noch in einer Stadt wie Paris, wo Kunstliebhaber zwischen Louvre, Orangerie und Musée d’Orsay schier wahnsinnig werden vor Glück. Google sieht das natürlich anders. Bei dem Projekt gehe es darum, Kunst für alle zugänglich zu machen, sagt Amit Sood, der Direktor des Kulturinstituts. Das Argument zündet. 1500 Museen und andere Kultur-Institutionen aus 72 Ländern arbeiten heute mit Sood und Co. zusammen.

Inzwischen geht es aber nicht mehr nur darum, klassische Kunst ins Internet zu beamen. Im Pariser „Lab“, wo die Möbel aus Wellpappe und die Computer-Monitore riesig sind, spielen sie jetzt mit den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz. Der Computer-Poet ist nur ein Beispiel. Die neueste Entwicklung ist das „Art Selfie“, zu dem man neben der App nur eins braucht: ein Smartphone. Damit macht der Nutzer ein Foto von sich selbst und kann dann nach Doppelgängern auf Gemälden suchen. Im Hintergrund gleicht ein Algorithmus bestimmte Gesichtsmerkmale miteinander ab. So kann es passieren, dass man sich mit Spitzbart und Soldatenhelm auf einem niederländischen Renaissancegemälde wiederfindet. Oder als orientalische Frau mit Schleier. Ein netter Spaß, der in Deutschland bisher nicht freigeschaltet ist. Oder dies: Man macht ein beliebiges Foto, zum Beispiel eines seiner Badehose. Der Algorithmus durchsucht dann eine riesige Kunstdatenbank nach Werken, in denen genau der Farbton der Hose vorkommt. Google nennt die Funktion „Art Palette“.

Solche Spielereien ermöglichen, positiv formuliert, einen anderen Zugang zur Kunst. Aber darunter gären ganz andere Fragen: Wie wird künstliche Intelligenz die Kunst verändern – und den Künstler? Wer die Londonerin Es Devlin fragt, bekommt eine recht radikale Antwort. „Ein menschengemachtes Gedicht ist nichts anderes als ein organischer Algorithmus“, sagt sie. „Warum sollte das ein Maschinen-Algorithmus nicht genauso gut schaffen?“

Zu den Kreativen, die für Google arbeiten, gehört auch der Münchner Mario Klingemann, Künstlername: Quasimondo. Einmal im Monat kommt er ins Pariser „Lab“, sonst arbeitet er in seiner Galerie in Neuhausen. Der Computer-Künstler hegt eine große Faszination für Maschinen. „Sie sehen die Dinge ganz anders als wir“, sagt er. „Auf eine herrlich abstrakte Art.“ Klingemann ist an diesem Tag extra   aus    München angereist, um seine Installation „X degrees  of  separation“ (in etwa: x Grade der Entfernung) vorzustellen.  An der Wand vor ihm hängt ein gut zweieinhalb Meter langer, schmaler Bildschirm, vor ihm steht ein weiterer Monitor mit Touchscreen. Die Sache ist recht einfach: Klingemann wählt über die Berührfläche zwei Gegenstände  aus, die nichts miteinander zu tun haben – das Bild einer Frau und eine antike Vase. Der Algorithmus sucht dann so lange nach Gemeinsamkeiten, bis eine Bilder-Kette entsteht, die das Gemälde und die Vase miteinander verbindet. „So kann man theoretisch alles in alles übersetzen“, sagt Klingemann. „Theoretisch sogar Musik in Bilder.“

Klingemann glaubt an die Kreativität der Maschine, die eine andere ist als die des Menschen. Die Maschine, sagt er, könne kreativ sein, indem sie Variationen ausprobiere, unendlich  viele, so wie in seiner Installation. Noch braucht es  den  Menschen, der die zwei Gegenstände auswählt. „Aber am  Ende ist es schon mein Ziel, mich aus der Gleichung herauszunehmen.“ Den Künstler herausnehmen. Klingemann sagt: „Es muss kein Mensch hinter der Kunst stecken, damit sie mich berührt.“ Die Londonerin Es Devlin würde das vermutlich genau so unterschreiben.

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