Schöner Wohnen

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Zilla Leuteneggers „Kitchen“ aus ihrer Wohnungs-Installation „Ring my Bell“ mit sieben Zimmern. Foto: Bay. Staatsgemäldesam.

Zilla Leutenegger mit „Ring my Bell“ in der Pinakothek der Moderne. Von Alexander Altmann.

In der Wirklichkeit können sich so was nur Oligarchen leisten. Aber im Museum dürfen wir alle einen Blick werfen in das 400 Quadratmeter (!) große „Apartment“, das Zilla Leutenegger (1968 geboren) da eingerichtet hat. „Für eine Münchner Wohnung ist das nicht schlecht“, scherzte die Schweizer Künstlerin bei der Präsentation ihrer Groß-Installation „Ring my Bell“, einer Schenkung der Sammlung Goetz an die Staatsgemäldesammlungen. Entstanden 2004 bis 2007, ist die Arbeit ein Schöner-Wohnen-Idyll mit Fallgruben. Sie umfasst sieben Stationen, die verschiedene Räume einer Wohnung nachbilden – oder eher: „vorstellen“.

Jedenfalls lässt man sich von Leuteneggers neckischen Schattenspielereien gern hinters Licht führen – im wörtlichen Sinn. Harmlos geht’s dabei noch im „Living Room“ zu. Der besteht aus einer realen Zimmerpalme, die ihren Schatten an eine weiße Wand wirft, auf die eine Zeichnung projiziert wird. Esstisch, Stühle und Regal sind da mit nachlässigen Strichen skizziert, wie im Entwurf eines Innenarchitekten. Im „Bedroom“ wird’s allerdings schon doppelbödiger. Da sieht man ein mit schwarzen Umrisslinien an die Wand gemaltes Bett und daneben eine einfach hingekrakelte Stehlampe, die einen grellweißen Lichtkegel auf die Liegestatt wirft. Der ist aber „real“: als exakt in die Zeichnung eingepasste Projektion aus dem Beamer.

Voyeure wiederum kommen im „Bathroom“ auf ihre Kosten, in den man nur durch einen Türspalt blinzeln darf. Im schlichten Spiegel über dem Waschbecken sieht man als (gespiegeltes) Video die Silhouette einer duschenden Frau – und kommt sich fast vor wie in Platons Höhlengleichnis, wo nur Abbilder von Abbildern zu sehen sind. Fast gespenstisch wird es schließlich in der „Library“. Da steht ganz leibhaftig ein bequemer Sessel samt Leselampe. Aber der Schatten, den er an die Wand wirft, ist keiner, sondern wieder eine Videoprojektion, die zusätzlich die Umrisse eines Menschen zeigt, der im Sessel fläzt. Keine Frage, die gar nicht so unbewussten Wünsche müder Museumsbesucher, die sich auch gern entspannt ausstrecken würden, werden hier buchstäblich ins Kunstwerk hineinprojiziert.

Als Zeichnerin, die Film und Video „missbraucht“, sieht sich Zilla Leutenegger. Ihre Lichtzeichnungen kokettieren mit der Tradition des Trompe-l’œil, also des Täuschungsbildes, wie auch des barocken Illusionismus, den man etwa aus der gemalten Scheinarchitektur kennt. Aber bei der Schweizerin bleibt die Illusion gewollt unvollständig. So verblüffend realistisch sie im Detail wirkt, so deutlich ist sie sofort als Spiel und bloßer Schein erkennbar. Über die bei zeitgenössischen Künstlern beliebte Reflexion von Wahrnehmungsmechanismen geht Leutenegger dennoch hinaus. Das Unvollkommene, Provisorische wird hier zur augenzwinkernd-grotesken Allegorie unserer fragmentierten Existenz.

Bis 4. Oktober

Di.–So. 10–18 Uhr, Telefon: 089/ 23 80 53 60.

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