Schlüsselerlebnisse

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Dokudrama . Vierteilige ARD-Reihe schildert den Ersten Weltkrieg aus der Sicht einfacher Soldaten und ihrer Angehörigen.

Von Heide-Marie Göbbel

Der Erste Weltkrieg begann am 28. Juli 1914 fast überall mit Glockengeläut. Die Bürger wussten, dass die Glocken – wenn kein Sonn- oder Feiertag war – nur bei schlimmen Ereignissen läuteten. Dennoch herrschte große Begeisterung, und viele zogen mit „Hurra“ an die Front. Den Krieg kannten die meisten bis dahin nur aus Schulbüchern und Zeitungen. Immerhin hatte in Europa seit dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges mehr als 40 Jahre Frieden geherrscht.

Zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns haben die ARD und der deutsch-französische Kulturkanal Arte in dem mehrteiligen Dokudrama „14 Tagebücher des Ersten Weltkriegs“ authentisches Originalmaterial produziert, das aus fast tausend persönlichen Aufzeichnungen ausgewählt wurde. Junge Soldaten und ihre Familienangehörigen schildern darin anschaulich ihr Leben im und unter dem Eindruck des Krieges. Nach der Ausstrahlung bei Arte ist die Reihe nun – leicht gekürzt – im Ersten zu sehen. Die ersten beiden Episoden mit den Titeln „Der Aufbruch“ und „Die Front“ laufen heute um 21.45 Uhr und um 23 Uhr.

Annähernd 70 Millionen Menschen und 40 Staaten beteiligten sich bis zum Kriegsende am 11. November 1918 am bis dahin umfassendsten Krieg der Geschichte. Der verheerende Konflikt war der Auftakt für gewaltige Umwälzungen im 20. Jahrhundert und führte zur weltweiten Verschiebung der politischen Kräfteverhältnisse. Doch der Erste Weltkrieg war nicht nur der erste industrialisierte Krieg, sondern auch der erste, in dem nicht nur die Offiziere, sondern auch die meisten einfachen Frontsoldaten und ihre Angehörigen lesen und schreiben konnten.

Die meisten Dokumentationen schilderten das Inferno aus der Sicht von Historikern, hier aber kämen Menschen zu Wort, die selbst in den Strudel der Ereignisse gerissen wurden, erläutern die Autoren Jan Peter und Yury Winterberg. Die Schilderungen stützen sich nicht nur auf die Tagebücher von Soldaten, sondern auch auf die Berichte anderer Zeitzeugen – Erwachsenen und Jugendlichen aus vielen Nationen. Ihre individuelle Perspektive ergibt ein umfassendes Panorama und ermöglicht sehr persönliche Einblicke in die Tragödie.

Den Kriegsbeginn im Sommer des Jahres 1914 erleben die Protagonisten auf unterschiedliche Weise, erzählen die Autoren in den ersten beiden Episoden. Die 14-jährige Marina Jurlowa zum Beispiel notierte, wie sie es schaffte, ihrem Vater, einem Obersten der Kosaken, unerlaubt mit dem Zug an die Front zu folgen. Die Künstlerin Käthe Kollwitz, eine Sozialdemokratin, und ihr Mann Karl beschreiben, dass es ihnen das Herz zerreißt zu sehen, wie ihr 17-jähriger Sohn voller Hoffnung freiwillig in den Krieg zieht – ebenso wie Ernst Jünger, an dessen das Schlachten ästhetisierenden Tagebüchern sich später die Geister schieden.

Auch Karl Kasser, ein Bauernsohn aus Niederösterreich, muss einrücken. Österreich-Ungarn ist ein Vielvölkerstaat, Soldaten ein- und derselben Einheit sprechen oft nicht einmal die gleiche Sprache. Für die Soldaten wird der Schützengraben das neue Zuhause, während hinter der Front, im jeweiligen Land, der Propagandakrieg  tobt.

Insgesamt 28 Länder sind am umfangreichen Dokudrama beteiligt, das je zur Hälfte aus Originalmaterial und Spielszenen besteht. Gedreht wurde in Frankreich, Kanada und Deutschland jeweils in den Originalsprachen der Protagonisten und ihrer Darsteller. Die Schicksale der einzelnen Tagebuchschreiber und -schreiberinnen wurden thematisch geordnet und chronologisch so ineinander geschnitten, dass die Einzelschicksale zugleich den Verlauf des gesamten Krieges widerspiegeln. Eine gigantische, sechs Millionen Euro teure Aufgabe, für die Co-Autor und Regisseur Jan Peter die notwendige Erfahrung aus vielen historischen Spielfilmen wie „Imperium der Päpste“ oder „Friedrich – Ein deutscher König“ mitbrachte.

Die Sorgfalt und Mühe der Aufbereitung der „14 Tagebücher“ haben sich jedoch gelohnt. Entscheidend für die eindrucksvolle Wirkung des Films sind jedoch die emotionalen Schlüsselerlebnisse der Hauptfiguren, die sie in ihren Tagebüchern schildern, und ihre filmisch sensible Umsetzung. Die erschütternden Schicksale der Kriegsbeteiligten werden auf gleichzeitig emotionale und respektvolle Art nachgezeichnet. So entsteht ein neuer und ungewöhnlicher Blick auf den Ersten Weltkrieg.

Die Folgen 3 und 4

mit den Titeln „Die Heimat“ und „Die Entscheidung“ zeigt das Erste morgen um 21.45 Uhr und um 23 Uhr.

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