RAFAEL SELIGMANN BLICKT MIT SEINEM NEUEN ROMAN „DEUTSCH MESCHUGGE“ IRONISCH IN DIE NAHE ZUKUNFT UNSERES POLITBETRIEBS

Der Schlaukopf und die Schöne

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In Rafael Seligmanns Satire wird der jüdische Negativheld Chef einer nationalistischen Partei und Bundeskanzler. K. Haag

VON SABINE DULTZ. Das ist wahrlich eine saftige Politkolportage.

Ihr Autor ist Rafael Seligmann. In seinem jüngsten Roman „Deutsch Meschugge“ schickt er seine Hauptfigur, den Juden Paul Levite, der außer bei schönen Frauen auf keinerlei andere Erfolge zurückblicken kann, als Mitglied der nationalistischen Partei DNMP in den Kampf um die Macht – erst in der Partei selbst, dann um die Macht im Staat. „Deshalb habe ich alles, was mir heilig ist und was anständig ist, rechts liegen gelassen. Ich hab mich dem Satan verschrieben.“ Wenn das mal gut geht.

Deutschland in allernächster Zukunft: eine Fiktion. Die rechtsextreme Partei, zu deren Protagonist sich Paul Levite hochpeitscht, geht als stärkste Kraft aus den Wahlen hervor. Allein aber kann sie nicht regieren. Die Konservativen, deren Kanzlerin noch immer die Geschicke des Landes lenkt, werden mit diesem Haufen Neu-Nazis nicht koalieren, ebenso wenig die braven Sozialdemokraten. Schließlich gibt es aber noch die Neo-Kommunisten mit ihrer schönen Anführerin, die sich wie die anderen auch anfällig erweist für höchste Ämter und fette Posten. Hinzu kommen vereinzelte Protagonisten der Bunten mit Wechsel-Ambitionen. Doch sind sie bei Seligmann selbstverständlich alle viel dümmer als sein Negativheld Paul Levite.

In einem beispiellosen Kraftakt, mit rhetorischer Perfektion, klarer Analyse, nimmermüdem Agieren, mit Härte und Egoismus und nicht zuletzt mit einer gehörigen Portion Massel rückt dieser Levite seinem Traum von der Kanzlerschaft Stück für Stück näher. Denn wenn es brenzlig wird, wenn zum Beispiel der Bundespräsident sich zunächst weigert, ihn dem Parlament als Kanzler zu empfehlen, droht Levite dem höchsten Mann im Staat mit dem Vorwurf des Antisemitismus. Das hilft immer.

Scheinbar wie nebenbei gelingt es ihm, seine Partei DNMP vom Geruch des Nazitums zu befreien. Sodass er eines Tages tatsächlich über sich selbst staunend sagen kann: „Der jüdische Bub aus Offenbach, dem nach seinem Abi nichts mehr gelungen war, den alle als Versager verlachten, der sich selbst als ewiger Loser fühlte, hatte die höchste Position in der deutschen Politik erlangt.“ Das ist von Seligmann alles sehr mutig konstruiert. Penibel und ausführlich hat er den Politapparat, die innerparteilichen Abläufe, die bundespräsidialen Gesten, die Macht- und Hahnenkämpfe, Egoismen und Blödheiten, die Dummköpfe und die Gescheiten vollmundig beschrieben, und zwar mit Ironie und Lust an der Bloßstellung. Sie alle sind – ist ja klar – auf real existierende Persönlichkeiten zurückzuführen und im Roman dem Schlaukopf Levite nicht gewachsen. Triumph folgt auf Triumph, am Ende aber steht er dann doch als trauriger Narr da. Trotzdem fällt es schwer, im Verlauf der Lektüre auch nur ein bisschen Sympathie für diesen selbstgefälligen Kerl aufzubringen, der immer alles besser weiß und mit schlechten Scherzen wie „Du wirst unser Göring sein“ seinen Intimus ins hohe Amt des Bundestagspräsidenten hievt.

Das liest sich über weite Strecken recht unterhaltsam, wenn nicht gerade der Autor in Gestalt seiner Hauptfigur Bildungshuberei betreibt und den Leser mit Querverweisen auf Heinrich Heine oder Walther Rathenau zu belehren sucht. Vielmehr würde noch interessieren, warum in Seligmanns Geschichte Levite erster jüdischer Bundeskanzler Deutschlands sein will, obwohl er doch nur väterlicherseits jüdisch ist. Laut Tradition, weiß man, ist allein die Mutter dafür ausschlaggebend, und die ist es in dieser Geschichte nicht. Sie hat nicht einmal Kontakt zu ihrem Sohn, für den sie sich wegen seiner Führerschaft bei den Deutschnationalen schämt. Gut geht das alles nicht aus. Der Tanz ums Goldene Kalb brachte Paul Levite keinen Segen. Sein Fazit, gewürzt mit einem Schuss Seligmann’scher Ironie: „Ein deutscher Bürger bin ich und ein Jud obendrein. Da muss man meschugge werden.“

Rafael Seligmann:

„Deutsch Meschugge“. Transit Verlag, Berlin, 285 Seiten; 24 Euro.

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