Schädelweh unterm Kranzhorn

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+

PREMIERENKRITIK  . Die Tiroler Festspiele in Erl versuchen sich an Mozarts „Così fan tutte“ und Beethovens „Fidelio“.

Zwei Opern gibt es, da krampfen sich Regisseurenhirne besonders gern und stark. Bei Wagners „Parsifal“ ist das der Fall und bei Beethovens „Fidelio“, Letzterer oft genommen als Jubel-Orgie zum festlichen Anlass, meistens aber zur Diktaturen-Verdammung: Oper als politisch korrektes Event. Die Tiroler Festspiele in Erl, einst als liebenswürdig handgestricktes Ereignis unterm Kranzhorn gestartet, dachten sich wohl etwas ganz anderes: Wie wäre es denn, mit dem Beethoven beim aktuellen Winterfestival mal ein bisschen Regietheater zu wagen? Erst recht nach den Inszenierungen des dirigierenden Hausherrn Gustav Kuhn, der sich als Moderne-Hasser aufs gediegene Arrangement beschränkt?

Doch mit ein bisschen Regietheater ist es wie mit ein bisschen schwanger. Es funktioniert halt nicht. Zu erleben bei einem „Fidelio“ im Festspielhaus, zu dem mit Alexander Polzin ein Promi der Kunstszene eingekauft wurde. Der Berliner, Jahrgang 1973, blickt auf ein einschüchterndes Skulpturen-Œuvre und hat auch schon Opern ausgestattet. Doch nicht einmal seine Bühne kann – bei totalem Regie-Ausfall – den zweistündigen Beethoven tragen. Bei Kollegen wie Anselm Kiefer labt man sich wenigstens an der imponierenden Szenerie, Polzin hat nur einen oft gedrehten und umhergeschobenen Riesenschädel. Drei Öffnungen, offenbar zwei Augen und Nase, die Mundpartie ist zugewachsen. Hinten hat’s die Kopfschale gesprengt, statt Klein- und Großhirn gibt es dort Florestan, der seine große Arie singen darf.

Eine gesichtslose Bedrohung? Vision? Albtraum? Ein Irrenhaus, in dem geknechtete Wesen in verfremdeten Mao-Anzügen und strumpfartigen Zwangsjacken wuseln? Ein Dialog aus Heiner Müllers „Herzstück“ über das Herz als Ziegelstein, gesprochen und gespielt von Polzin und seiner Co-Regisseurin, der Tanzperformerin Sommer Ulrickson, bildet das bedeutungsschwangere Entrée und den Anlass für viele auf die Bühne gelegte und gestapelte Ziegel. Polzin mag sich Kluges gedacht haben, Atmosphäre scheint für ihn wichtiger als Logik. Doch bei aller Liebe zu Erl: Der Abend, für den man bis zu 180 Euro zahlt, ist ein Reinfall und noch dazu mittelmäßig gesungen. Bettine Kampp müht sich mit der Leonore, bei Thomas Gazheli wird der Bösewicht zum Don Bizarro, Jens Waldig (Rocco), George Vincent Humphrey (Florestan) und Paola Leggeri (Marzelline) schlagen sich wacker.

Erstaunlich ist das alles dennoch. Denn im Graben steht schließlich der Prinzipal, der besonders gern gegen die eigene Zunft ätzt, wenn es um ein für ihn bestimmendes Thema geht: ums Handwerk. Gustav Kuhn hat den „Fidelio“ wie tags zuvor Mozarts „Così fan tutte“ im kleinen Finger. Auf dem Pult liegt die zugeklappte Partitur, darüber ein weißes Frotteehandtuch zur Schweiß-Abwehr. Mit den Blicken ist Kuhn ständig bei den Sängern. Kleine Unsicherheiten (vor allem im zweiten „Fidelio“-Akt passieren einige) werden sofort und effektiv korrigiert. Der Beethoven klingt in der Ouvertüre nach saftiger Massivität. Bald wird es trennschärfer, balancierter. Der warme, gehaltreiche Klang des Tiroler Festspielorchesters tut sein Übriges. Die eingeschobene dritte „Leonoren“-Ouvertüre wird zum Reißer. Es sind Lehrstunden an souveränem, mätzchenfreiem Kapellmeisterhandwerk, die man an diesen beiden Festspieltagen bestaunt. All das Geraune um Interpretationen kümmert Gustav Kuhn wenig: Er weiß einfach, wie’s geht und wie man’s herstellt, notfalls auch mit ungeübten Musikern oder Sänger-Neulingen.

Besonders lässig koordiniert Kuhn Mozarts „Così“. Manches tönt schwerblütig, jedoch immer gut mit der Bühne verzahnt. Als sein eigener Regisseur bewegt sich der Chef in guter alter Zeit, als das Stück noch als reine Komödie galt – dabei ausblendend, dass so ein Partnertausch eben nicht nur Porzellan, sondern ein ganzes Leben zerschlagen kann. Von den beiden besten Scherzen erholt sich das glucksende Publikum allerdings nur schwer: Ferrando und Guglielmo bezirzen die falschen Bräute als Tiroler Burschen verkleidet, Despina maskiert sich mit Vollbart als Arzt – eine Wiedergängerin von Conchita Wurst. Die bei „Figaro“ und „Don Giovanni“ erprobte Einheitsbühne (Jan Hax Halama) mit dem kleinen Spiel-Geviert in der Mitte und einer hängenden Riesenkugel wird sanft variiert.

So richtig kommt die Sache freilich nicht in Schwung. Auch, weil Kuhn – eine Todsünde – nach den Szenen den Vorhang zuziehen lässt, auf dass mancher Gast schon mal versehentlich das Weite sucht. Gesungen wird aber fast durchwegs hervorragend. Anna Princeva ist eine Muster-Fiordiligi, Sophie Gordeladze (Despina), Michael Kupfer (Guglielmo) und Giulio Boschetti (Alfonso) sind mehr als formatfüllend, mit etwas Abstand folgen Ferdinand von Bothmer (Ferrando) und Aurora Faggioli (Dorabella).

Zwei Premieren also, die unterm Strich ernüchtern. Der besondere Erler Charme, als man noch mit dem Etikett des Dorf-Festivals kokettierte, ist ja schon lang weg – spätestens mit der Errichtung des Winter-Quartiers neben dem Passionsspielhaus, das signalisierte: Ab jetzt wird’s ernst, nun kommt die große, seriöse Festspielkunst. Doch irgendwie haben sich die Tiroler in die Sackgasse manövriert. Im Sommer wird mit Wagner Kassenträchtiges nur aufgewärmt. Und ob Gustav Kuhn, der mit seinen Dirigier- und Regieaufgaben ausgelastet ist, die richtigen Einflüsterer hat, wäre zu hinterfragen. Ebenso, welche Rolle dabei Festspiel-Präsident Hans Peter Haselsteiner spielt, der fast milliardenschwere ehemalige Strabag-Chef. Eine Heimat für Musikfans mit Regieschädigung, diese Nische mag notwendig sein. Kuhn im Graben und oben nur Spiel-Beilage, dieses Rezept kann aber nicht ewig funktionieren. Der „Fidelio“ heuer, so viel Reflexion gestattete man sich immerhin, war ein Versuch. Auch wenn der eher für Schädelweh gesorgt hat.

Informationen:

„Così fan tutte“ noch am 2., „Fidelio“ am 3.1., dazu verschiedene Konzerte; die Festspiele dauern bis 6.1.;

www.tiroler-festspiele.at.

Zurück zur Übersicht: Kultur & TV

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare