MIT KIRILL PETRENKO AUF DIE ZIELGERADE: BILANZ DER FESTSPIELE UND AUSBLICK AUF DAS KOMMENDE JAHR

Salzburger Sommermärchen

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Gerrit muss noch warten im Toscaninihof. Wobei warten: Der Kerl hält Hof.

Als einer der Stars der nun zu Ende gehenden Salzburger Festspiele mit der am schönsten gewellten Mähne, seidig glänzend so wie überhaupt das ganze Fell. Ein gefundenes Motivfressen, es klickt ständig. Das Gros der Touristen am Hintereingang der Felsenreitschule dürfte gar nicht wissen, dass der Hengst zur szenischen Ausstattung der „Salome“ gehört – und damit in der besten Festspielproduktion nicht nur des Salzburger Sommers unter Vertrag ist.

Sehr populär ist so etwas und eine Seite dieses Festivals. Hundert Meter weiter zeigt ein anderer Star (ebenfalls mit gewelltem Haupthaar), zu was Festspiele auch imstande sein müssen. Die Ballettmusik „La Péri“ von Paul Dukas (1865-1935), die vierte Symphonie von Franz Schmidt (1874-1939) – nie gehört, da müssen viele passen. Am ehesten dämmert es dem Publikum beim dritten Klavierkonzert von Prokofjew (1891-1953), das Yuja Wang mit der ihr so eigenen gläsernen bis aberwitzigen Virtuosität ins Große Festspielhaus stanzt. Die meisten reden in der Pause danach über das knappe, grün gewickelte Nichts, das die chinesische Pianistin trägt – auch so eine Salzburger Eigenart.

Am zweiten Abend ihres Gastspiels bewegen sich die Berliner Philharmoniker mit ihrem künftigen Chef Kirill Petrenko also in Repertoire-Randzonen. Die Quittung dafür: Einige Plätze sind frei, anders als beim Strauss-Beethoven-Programm tags zuvor. Für die Gekommenen gibt es was zu lernen und zu erfahren: wie „La Péri“ nach Eleganz statt Dekadenz klingen kann und wie butterweich die Blech-Fraktion der Philharmoniker tönen kann, als sei’s ein einziges, farbenreich oszillierendes Instrument.

Die Vierte von Franz Schmidt ist ein Herzensanliegen Petrenkos, man spürt es. Als „Requiem für meine Tochter“ gedacht, schreibt der Zuspätromantiker ein vierzigminütiges, melancholisch gebrochenes Stück, bei dem selbst C-Dur-Entladungen hinter einem Grauschleier passieren. Petrenko und die Philharmoniker vollbringen eine echte Ehrenrettung – mit erheblicher Energiezufuhr, hochauflösenden Klangballungen und fugenlos eingepassten Soli der Berliner Wunderbläser. Der Jubel danach wirkte nicht ausgelassen wie am Abend vorher, eher anerkennend.

Mit dem Berliner Doppel-Abend biegen die Festspiele auf die Zielgerade ein. Heute servieren Anna Netrebko und Gatte Yusif Eyvazov Opernhäppchen (Kritik dazu am Freitag). Morgen ist dann Schluss, und Markus Hinterhäuser hat Salzburg in seinem zweiten Intendantenjahr das beste Programm seit Langem beschert. An der Spitze ein Wurf: Die wuchtige, intensive, verstörende „Salome“ mit der Litauerin Asmik Grigorian in der Titelrolle, inszeniert von Romeo Castellucci und dirigiert von Franz Welser-Möst, schrieb Aufführungsgeschichte.

Bei Tschaikowskys „Pique Dame“ glückte Mariss Jansons (Dirigat) und Hans Neuenfels (Regie) zwei Altmeistern in symbiotischer Kooperation eine fast ebenso maßstabsetzende Lösung. Viel Kritik musste die „Zauberflöte“ einstecken, was auch ungerecht ist. Regisseurin Lydia Steiers überbordende, verspielte Szenerie könnte man locker für eine Wiederaufnahme optimieren, ebenso die Sängerbesetzung. Das eigenwillige, aufregende Dirigat von Constantinos Carydis wurde heftig diskutiert – genau das also, zu dem Festspiele anstacheln sollen. Mit Abstand folgte Monteverdis „Poppea“ (William Christie, Jan Lauwers), enttäuschend Henzes mit Hochspannung herbeigesehnte „Bassariden“: Kent Nagano und Krzysztof Warlikowski arbeiteten aneinander und am Werk vorbei. Schlechte Tradition ist in Salzburg, dass das Schauspielprogramm alledem hinterherhinkte. Sparten-Chefin Bettina Hering setzte mit Frank Castorf, Johan Simons oder Ulrich Rasche auf Angesagtes bis Prominentes. Dass ein erkrankter Tobias Moretti und sein „Jedermann“-Vertreter Philipp Hochmair ausgiebiger diskutiert wurden, spricht Bände.

97 Prozent Platzausnutzung melden die Festspiele für diesen Sommer und fast 261 000 verkaufte Karten – etwa so viel wie 2017. Nach den Wassereinbrüchen infolge starker Regenfälle will man eine Generalsanierung des Großen Festspielhauses in Angriff nehmen. Das gute Ergebnis der Saison könne nicht davon ablenken, dass die Festspiele vor großen finanziellen Problemen stünden, sagte Präsidentin Helga Rabl-Stadler. Eine Schließung des 1960 eröffneten Hauses sei nicht geplant, man werde die Sanierung abschnittsweise im laufenden Betrieb organisieren.

Am 14. November wollen Markus Hinterhäuser und Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler die Pläne für 2019 bekannt geben. Einiges ist durchgesickert. Mozarts „Idomeneo“ soll es geben mit dem Freiburger Barockorchester und mutmaßlich Teodor Currentzis am Pult. Der umstrittene Dirigent, heuer mit einem Beethoven-Zyklus dabei, ist einer der Lieblingskünstler Hinterhäusers. 2020 wird sogar von Wagners „Tristan und Isolde“ in der Inszenierung Romeo Castelluccis erzählt. Barrie Kosky, dessen Bayreuther „Meistersinger“ gerade Kultcharakter bekommen, soll im nächsten Sommer Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ inszenieren – Operette in Salzburg, ein seltener Fall.

„Oedipe“ von George Enescu könnte parallel dazu das unbekannte, avancierte Repertoire abdecken. Und immer wieder wird von Verdis „Simone Boccanegra“ unter Valery Gergiev geraunt. Der allerdings ist schon in Bayreuth unter Vertrag mit einem neuen „Tannhäuser“. Was den gern oberflächlichen Workaholic kaum kümmern dürfte: Für ihn wäre eine solche Terminballung ja der Normalfall. Und ob es zu einem erneuten Salzburger Operneinsatz von Mariss Jansons kommt, ist fraglich. Mit seinem BR-Symphonieorchester tourt er im Sommer 2019 durch Europas Festspielstädte, für eine – so wie er es liebt – ausgiebig geprobte Oper bleibt da kaum Platz. Mussorgskis „Boris Godunow“ hätte Jansons noch auf der Wunschliste. Die Amsterdamer Oper und Jansons’ früheres Ensemble, das Concertgebouworkest, dürften gern zugreifen.

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