Roman aus dem richtigen Leben

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Ein Edel-Schmöker sind die Briefe von Samuel Beckett (1906-1989). foto: dpa

Zwischen Amourösem und Alter Pinakothek: Samuel Becketts Briefe aus den Jahren 1929 bis 1940 Von Alexander Altmann

Zwischen Amourösem und Alter Pinakothek: Samuel Becketts Briefe aus den Jahren 1929 bis 1940

Von Alexander Altmann

Auch Genies können irren. Am 18. April 1939 schrieb Samuel Beckett aus Paris an einen Freund: „Es gibt auch ein französisches Mädchen, das ich mag, leidenschaftslos, und das sehr gut zu mir ist. Das Spiel wird nicht überreizt. Da uns beiden klar ist, dass es enden wird, lässt sich nicht sagen, wie lange es dauert.“ Eben dieses französische Mädchen, die Pianistin Suzanne Descheveaux-Dumesnil, wurde Becketts Lebensgefährtin und schließlich auch seine Ehefrau.

Der wohltuende Beleg für die Fehleinschätzung der amourösen Lage durch den nachmaligen Nobelpreisträger findet sich im ersten Band von Becketts Briefen, der die Jahre von 1929 bis 1940 abdeckt. Unter dem Titel „Weitermachen ist mehr, als ich tun kann“ ist er jetzt in deutscher Übersetzung erschienen. Auf insgesamt vier Bände ist die sorgfältige, mit vielen erhellenden Anmerkungen versehene Edition angelegt, und ungeachtet ihrer philologischen Genauigkeit taugt diese Briefausgabe vor allem auch als Edel-Schmöker – nicht nur für eingefleischte Beckett-Fans. Denn sie wirkt tatsächlich wie ein Roman aus dem richtigen Leben, die Geschichte von den schwierigen, leidvollen Anfängen eines später weltberühmten Künstlers, die man aus dessen eigener Perspektive verfolgen kann: Der Versuch, sein damals neuestes Werk „Murphy“ bei einem Verlag unterzubringen, zieht sich als roter Faden durch die Korrespondenz der frühen Jahre.

42 Absagen musste Beckett (1906-1989) dabei einstecken, was dem Bemühen des jungen Dichters, sich im Leben zu etablieren und Anerkennung zu finden, nicht gerade förderlich war. Allerlei Hypochondrien sowie reale, nervös bedingte Kränkeleien sind die Folge dieser unsicheren Umstände. Eben dass sich alltäglich-private Themen in den Briefen mit hellwachen Beobachtungen, Gedanken, beißendem Spott und Wortspielereien mischen, macht den Reiz dieses Buches mit aus, das auch „Samuel Becketts Wanderjahre“ heißen könnte.

Besonders interessant für deutsche Leser sind natürlich die Briefe, die Beckett während seiner Deutschlandreise schrieb: Mitten in der Nazizeit, im Winter 1936/37, besuchte er das „Reich“, aber Bemerkungen zur politischen Lage oder Stimmung in Deutschland („Alle Klomänner sagen ,Heil Hitler‘“) stehen in den Briefen dieser Monate nicht im Vordergrund. Sie fließen eher indirekt, als nüchtern-ethnographisch anmutende Beobachtungen des späteren Resistance-Kämpfers ein. Was den Iren, der hier als klassischer Bildungstourist unterwegs ist, vor allem interessiert, sind die Kunstschätze des Landes, insbesondere die drei wichtigsten Museumsstandorte Berlin, Dresden und München, wobei er sich in seinen Äußerungen als feinfühliger Kenner der Malerei entpuppt. Über Berlin etwa, das ihm „wie eine geschwätzige Sphinx“ vorkommt, stellt er fest: „Die Sammlungen sind umwerfend, die Stadt selbst ein monströser Witz, aber auf Anhieb sympathisch.“

In München schließlich, wo er in der Pension Romana, Akademiestraße 7, logiert, verbringt Beckett „die meiste Zeit in der Alten Pinakothek, die ich inzwischen so gut kenne, dass ich durch die ganze Sammlung laufen kann, ohne an einem Rubens vorbeizukommen“. Neben einem obligatorischen Besuch im Hofbräuhaus, der kommentarlos erwähnt wird, besucht der Meister des Absurden auch eine Vorstellung Karl Valentins, den er „als Komiker allererster Sorte“ preist. Eine Bemerkung, die zeigt, dass Genies eben doch oft ins Schwarze treffen – auch wenn sie in amourösen Fragen irren.

Samuel Beckett:

„Weitermachen ist mehr, als ich tun kann. Briefe 1929-1940“. Aus dem Englischen und Französischen von Chris Hirte. Suhrkamp Verlag, Berlin, 856 Seiten; 39,95 Euro.

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