Rockig, schrill und ziemlich deftig

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In der Schickimicki-Gesellschaft (v.l.): Veronika Hörmann (Philomena), Armin Schlagwein (Herr von Windwachel), Winfried Frey (Zwirn), Maximilian Pfnür (Lumpazivagabundus) und Bettina Mittendorfer (hier als Frau von Palpiti). Foto: Marc Gilsdorf

Premierenkritik . Beim Kultursommer Garmisch-Partenkirchen gibt es Nestroys „Lumpazivagabundus“ in einer Werdenfelser Fassung.

von Tanja Brinkmann

7359 – mit diesen Zahlen ziehen drei Handwerksburschen das große Los. 100 000 Taler sichern sie sich und sind überzeugt, damit ihr Glück gefunden zu haben. Aber ist es wirklich der unermessliche Reichtum oder sind es eher wahre Liebe und tiefe Freundschaft, die echtes Glück bedeuten? Diese Frage treibt die Feenwelt um. Fortuna und Amorosa sind sich uneinig, es kommt zur Machtprobe – „zur Feenwette hoid“. Und in die schlittern der frauenverschlingende Schneider Zwirn, der trunksüchtige Schuster Knierim und der brave Tischler Leim voll hinein. Die drei vom „liederlichen Kleeblatt“, wie Johann Nestroys Zauberposse vom „bösen Geist Lumpazivagabundus“ untertitelt ist, werden zu Opfern, zu Spielfiguren der Feen. Bis das Trio merkt, dass Geld allein noch lange nicht glücklich macht, ist es ein steiniger Weg. Und auf dem sorgt besagter Geist immer wieder dafür, dass die Handwerksburschen vom Pfad der bürgerlichen Anständigkeit abkommen. Schon ehe die Vorstellung im Amphitheater des Michael-Ende-Kurparks in Garmisch-Partenkirchen beginnt, ist klar,  dass  das  Publikum eine  eigenwillige Interpretation des Wiener Klassikers erwartet.

Regisseur Georg Büttel hat für den Kultursommer eine Werdenfelser Fassung kreiert – rockig, schrill und ziemlich deftig. Die Feen – die von der dunklen und die von der lichten Seite gleichermaßen – treiben sich durch den Park. Tanzen, hüpfen, schmusen. Lumpazivagabundus (Maximilian Pfnür) springt durch das Geschehen, klettert flugs auf Bäume – und erinnert stark an Gollum aus dem „Herrn der Ringe“. Er ist aber auch das Wesen, „das stets das Böse will und manchmal das Gute schafft“. Gegen diesen Gesellen, der sich ganz dem liederlich-lustvollen Lebenswandel verschrieben hat, kommt keiner an. Fortuna, für die Marianne Sägebrecht ihre 20-jährige Theaterpause beendet hat, Feenkönig Stellaris (Gerd Lohmeyer) und die Zauberer, deren Kinder durch Lumpazi auf Abwege geraten sind, schaffen es jedenfalls nicht. Einzig Amorosa (Bettina Mittendorfer), die in sensationeller 1970er-Jahre-Kleidung erscheint, mit ihrer Darstellung allerdings etwas farblos bleibt, könnte den Halunken vertreiben. Doch dazu müsste sie erst einmal besagte Wette gewinnen.

Logisch, dass der böse Geist alles daran setzt, Zwirn, Knierim und Leim vom rechten Weg abzubringen. Die Spielgewalt, mit der Winfried Frey, Ferdinand Dörfler und Ferdinand Schmidt-Modrow erscheinen, reißt das Publikum mit. Fast möchte man in ihr fröhliches „Wozu ist die Straße da? Zum Marschieren“ einstimmen und mit ihnen über die Bühne hüpfen. Mögen sie noch so verlottert oder versoffen scheinen, klar ist: Die drei erobern die Herzen der Zuschauer im Sturm. Frey, der charmante Tunichtgut, der die Kellnerinnen und Kundinnen gleichermaßen bezirzt. Dörfler als philosophierender Schuster, der sich aus Angst vor dem Kometen-Einschlag in Bier, Wein und Schnaps flüchtet. Und Schmidt-Modrow, den vor allem die Sehnsucht nach seiner geliebten Peppi (Claudia Hinterecker) plagt.

Es sind bekannte Namen, die sich neben Darstellern aus der Region auf der Kultursommer-Bühne tummeln. Die Besetzung ist vor allem darin begründet, dass das Bayerische Fernsehen die Inszenierung aufzeichnet. Das Zusammenspiel zwischen Profis und Laien hat Büttel hervorragend gemeistert. Perfekt, was die Akteure bieten. Mal in der Feenwelt, dann im Wirtshaus „Noagalzuzla“. Sie tanzen, singen – oft Lieder, angelehnt an bekannte Melodien. Es ist tatsächlich eine ganz besondere Magie, die im Kurpark herrscht. Die bereichern Thomas Bruners geniales Bühnenbild mit dem überdimensionalen Glücksrad, Pe Hebeisens fantastische Kostüme und die Musik, die Jens Zerle und Jesse Thompson eigens für diese Inszenierung zusammengestellt haben. Die Botschaft, dass Geld allein nicht glücklich macht, ist wahrlich keine neue. Wie Büttel und sein Team sie interpretieren, ist allerdings ein großes Vergnügen.

Weitere Vorstellungen

an diesem Samstag, am 9., 10., 11., 21., 24. 9., 20.30 Uhr, am 31. 8., 7. 9. , 14.30 Uhr, Amphitheater des Michael-Ende-Kurparks; bei Regen im Festsaal Werdenfels; außer bei den Aufzeichnungen 9., 10., 11. 9.; www.kultursommer-gapa.de; Sendung im BR: 12. 10., 19.45 Uhr.

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