NAVID KERMANI STELLTE SEIN BUCH „ENTLANG DEN GRÄBEN“ IM AUSVERKAUFTEN RESIDENZTHEATER VOR

Die richtigen Fragen zur richtigen Zeit

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Gestalteten den Abend im Münchner Residenztheater: Navid Kermani (li.) und Schauspieler Thomas Loibl, der aus „Entlang den Gräben“ las. Foto: Matthias Horn

von Teresa Grenzmann „Ich hätte auch mit mir gesprochen.“ Mit diesen Worten aus seinem neuen Reportagebuch „Entlang den Gräben“ endet Navid Kermanis Lesung.

Der anschließende Applaus und das ausverkaufte Residenztheater überhaupt zollen dem Tribut. Diesmal hat zwar Journalist Niels Beintker mit dem vielfach ausgezeichneten Autor gesprochen, und die letzten Worte hat auch nicht Kermani selbst, sondern der Schauspieler Thomas Loibl vorgelesen. Doch darin scheint sich das Publikum einig: Kermani stellt zur richtigen Zeit die richtigen Fragen. Und weil er sie diesmal auf einer un- wie umwegsamen eigenen osteuropäischen Reise nach Isfahan zu seinen Wurzeln stellt, sind oder zumindest: wirken sie zugänglich, frei von Rhetorik.

Zwischen essayistischer Leichtigkeit und Faktenschwere, politischer Brisanz und den glücklichen Zufällen der Reportage bewegt sich der zweistündige Abend. Er reicht vom deutschen Schamgefühl eines elektronisch abgefertigten Auschwitz-Besuchers zu Kermanis „Lebensthema“, der kulturellen Vielfalt als Reichtum und Konflikt. Von großväterlichen Wunden, die noch heute in absurden Kriegen gerächt werden, zur drastischen Erkenntnis, dass man in Litauen halbe Städte mit goldenen Stolpersteinen pflastern müsste: „Wenn in den nächsten Jahren die Zeugen nicht mehr da sind, werden die Orte immer wichtiger.“ Auf die Frage nach der Rolle, die Europa in seinen östlichsten Ländern spiele, differenziert Kermani in eine der Zukunft zugewandte junge Generation der Hoffnung und eine rückgewandte ältere, kritisch gegenüber europäischen Nivellierungstendenzen.

Er glaube an die Kraft der Literatur, so der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, der die Rolle des Schriftstellers im Bewahren sieht. „Es muss ja auch jemanden geben, der hinten sitzt und zurückschaut“, erklärt Kermani. Was für eine Untertreibung, hat er doch gerade den Blick seines Publikums nicht nur vom Westen in eine nahe Fremde namens Osten, sondern vor allem auch: nach innen gelenkt.

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