Wie aus Religion Gewalt erwächst

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„Ich habe mich nach dieser Rolle gesehnt“: August Zirner als Nathan in der Inszenierung von Christian Stückl. f: arno declair

INTERVIEW ZUR PREMIERE  . August Zirner über Lessings „Nathan der Weise“ am Münchner Volkstheater, Toleranz und Häcksel-Regie.

In mehr als 60 Kino- und Fernsehfilmen hat August Zirner mitgespielt. Gleichzeitig ist der 59-Jährige, der seine Karriere an den Münchner Kammerspielen begann, dem Theater immer verbunden geblieben. So steht er derzeit etwa am Residenztheater in Max Frischs „Stiller“ auf der Bühne. Nun kann man Zirner auch am Münchner Volkstheater erleben: in der Titelrolle von Lessings „Nathan der Weise“, inszeniert vom Hausherrn Christian Stückl. Premiere ist am kommenden Samstag.

-Wie kommt es, dass so ein prominenter Schauspieler wie Sie am relativ „kleinen“ Volkstheater auftritt?

Ich kenne Christian Stückl seit unserer gemeinsamen Zeit an den Kammerspielen, und seither sind wir immer in Kontakt. Ich finde es ganz großartig, was er am Volkstheater leistet, etwa an Aufbauarbeit mit jungen Schauspielern, aber auch als Theaterleiter insgesamt. Und es ist wunderbar, mit ihm als Regisseur zu arbeiten. Er ist einer, der die Stücke ernst nimmt – im Gegensatz zu manchen anderen...

-Sie sind kein großer Freund des Regietheaters?

Das kann man so nicht sagen. Letzten Endes ist alles Regietheater, jeder Text ist interpretierbar, muss interpretiert werden. Theater braucht einen Regisseur. Ich habe nichts gegen das Regietheater in dem Sinn, dass eine Inszenierung einen eigenen Zugriff auf den Text darstellt. Aber dazu muss man den Text erst einmal bis in die feinsten Verästelungen durchdrungen haben. Was ich nicht mag, das ist dieses Theater der „Dekomposition“, das die Stücke zerhäckselt. Dekomposition funktioniert nur in einem Bereich: im Jazz. Aber dort nur deshalb, weil das Grundmotiv immer erkennbar bleibt, durch alle Improvisationen und Zerlegungen hindurch. Und im Theater gilt analog das Gleiche. Wo Regisseure die Dekomposition so weit treiben, dass von der Substanz des Textes nichts mehr übrig bleibt, ist das vielleicht auch eine Arroganz gegenüber dem Publikum.

-Die Frage nach der Aktualität des „Nathan“ erübrigt sich heute fast...

Bedauerlicherweise ja. Zumal ich finde, dass das Theater gar nicht der unmittelbaren Tagesaktualität hinterherlaufen sollte.

-Aber wirkt der „Nathan“ mit seinem Plädoyer für Vernunft, Aufgeklärtheit, Toleranz nicht automatisch wie eine Antwort auf aktuellen religiösen Fundamentalismus?

Natürlich, und das Stück zeigt ja auch, wie aus Religion Gewalt erwachsen kann. Der Begriff Toleranz ist inzwischen allerdings zu inflationär geworden. Das ist insofern heikel, als Toleranz ja eher so eine gnädige Herablassung darstellt. Respekt vor dem Anderen wäre eine viel angemessenere Haltung.

-Kann man aus dem Stück auch lernen, dass es in religiösen Konflikten immer nur scheinbar um Religion geht?

In Wirklichkeit stecken hinter vermeintlich religiösen eigentlich soziale und politische Konflikte. Denken Sie an den Dreißigjährigen Krieg. Da ging’s nur ganz vordergründig um eine Auseinandersetzung zwischen Protestanten und Katholiken. Tatsächlich war das ein Kampf der europäischen Potentaten um Macht, Herrschaft, Einflusssphären.

-Wie halten Sie’s denn selbst mit der Religion? Sie haben ja teils jüdische, teils christliche Vorfahren...

Ich habe keine Religion – was aber nicht heißt, dass man nicht gleichwohl in einer gewissen Weise „religiös“ sein kann. Ich bin auch kein Atheist, ja ich würde mich nicht mal als Agnostiker bezeichnen. Auch hier gibt es, wie so oft, keine festgelegten, sicheren Antworten. Am ehesten kann ich vielleicht so viel sagen: Wenn ich musiziere, habe ich religiöse Gefühle.

-Wie sehen Sie die Figur des Nathan?

Wenn ich das wüsste! Gerade darum spielt man ja Theater, weil man etwas über die Figuren, über die Dramen herausfinden will, was man nicht weiß. Die Erfahrung mache ich immer wieder, denn diese Suche findet ja nicht nur in den Proben statt, sondern sie geht weiter, wenn das Stück schon läuft. Es ist nicht ungewöhnlich, dass einem sogar in der letzten Vorstellung eines Stücks noch neue Facetten, neue Zusammenhänge aufgehen. Das ist das Gegenprogramm zu dem Zwang, der heute herrscht, immer alles prompt wissen zu müssen, auf alles eine fertige, feste Antwort zu haben.

-Ist der Nathan eine Traumrolle für Sie?

Mir wurde sie mal angeboten, als ich jünger war, da wollten die den Nathan als jungen Geschäftsmann darstellen. Damals habe ich mich aber auch nicht getraut, ich hatte Angst vor der Aufgabe. Und noch vor zehn Jahren hätte ich die Rolle wahrscheinlich nicht angenommen, weil sie mir „redselig“ erschien. Heute hingegen muss ich sagen, ich habe mich nach dieser Rolle geradezu gesehnt.

Das Gespräch führte Alexander Altmann.

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