Rausch ohne Kater

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BR-SYMPHONIEORCHESTER . Haitink dirigierte Mahler und Schostakowitsch.

Irgendwann wird er nur noch etwas das Handgelenk bewegen und aufmunternd ins Orchester blicken. Nicht weil er zu anderem kaum mehr in der Lage wäre, sondern weil es einfach reicht – Großes kann auch unaufgeregt entstehen. Bernard Haitink, 85 Jahre jung, ist das Gegenbild zu den wild-wirren Feuerköpfen am Pult. Ein Wunder an Ökonomie und Bestimmtheit in der Körpersprache, auch in seinem sechsten und siebten Sinn für musikalische Architektur.

Schostakowitschs letzter, der 15. Symphonie, bekommt das sehr gut, gerade zu erleben beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Münchner Gasteig. Ein Werk, das sich zwar anfangs in die Brust wirft, sich aber immer mehr, unter Zitieren großer Kollegen, zu verlieren scheint, bis nur noch Skelettiertes bleibt. Haitink inszeniert das nicht als Drama, sondern begreift das als rein innermusikalischen Vorgang. Der Kopfsatz wird nicht zur Fratzenparade, sondern zu einer in allen Farben schillernden, auch floskelhaften Stoffsammlung. Extreme Konzentration prägte den Trauermarsch, ebenso das Finale, wo auch Harsches, Geräuschhaftes zugelassen war.

Ähnliches zu Beginn bei Anton Weberns „Im Sommerwind“. Die BR-Symphoniker entfalteten ihr bestechendes Klangsensorium – und doch schien’s, als erlebe hier jemand einen Rausch bei vollem Bewusstsein. Dazu passte die Deutung von Mahlers Rückert-Liedern durch Christian Gerhaher. Vor einiger Zeit, mit demselben Orchester, aber unter Daniel Harding, wirkten die bei ihm noch bestürzender. Jetzt hat sich eine gewisse Objektivierung eingeschlichen – ohne dass dabei auch nur ein Gran Intensität eingebüßt wird.

Haitink wählte breite Tempi, hätte auch das Orchester mehr dämpfen können. Vom eher nachdrücklichen Beginn spannte Gerhaher den Bogen zu einer hellen, fast an der Sprechstimme orientierten Intimität. In den oberen Reihen mag das mancher nicht mehr mitbekommen haben. Ein (unbewusster) Protest gegen die Akustik? markus Thiel

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