TRAUER UM DEN OSCAR-PREISTRÄGER MILOS FORMAN, DER MIT „EINER FLOG ÜBER DAS KUCKUCKSNEST“ SEINEN ERSTEN TRIUMPH FEIERTE

Querkopf aus Prinzip

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Nachruf . Von Zoran Gojic.

Was tut man, wenn man als Kind mit ansehen muss, wie erst der Vater, dann die Mutter als Staatsfeinde verhaftet werden? Wie erträgt man, dass sie im KZ ermordet werden? Milos Forman (1932-2018) reagiert auf seine Weise – er wehrt sich mit Humor und wird Querkopf aus Prinzip. Als Waise im Internat flüchtet er in die Welt des Kinos. Charlie Chaplin und Buster Keaton werden seine Helden. Außenseiter, die sich nie entmutigen lassen von der einschüchternden Welt da draußen.

Nach dem Ende der Nazi-Terrorherrschaft in der Tschechoslowakei landet Forman beim Fernsehen, bei dem er Filme ankündigt und rausgeworfen wird, weil er einen Parteifunktionär lächerlich macht. Der unablässige Kampf gegen die Engstirnigkeit und die willkürlichen Repressionen des sozialistischen Regimes prägen den jungen Forman. An der renommierten Prager Filmhochschule FAMU wird er von seinen Professoren ermutigt. Es sind Regisseure, die wegen Abweichlertum keine Filme mehr drehen dürfen und an die Hochschule abgeschoben werden. Milos Forman bringt ab 1964 den Rock’n’Roll in das sehr staatstragende tschechoslowakische Kino. 1967 erweckt „Der Feuerwehrball“ dann den großen Unmut der Parteibonzen, weil er zum Schreien komisch schildert, wie lebensfremde Ideologen es schaffen, eine einfache Angelegenheit wie ein Dorffest grandios scheitern zu lassen. Das Thema wird Forman, der kurz darauf emigrieren muss, fortan immer wieder variieren, auch in seinen großen Hollywood-Erfolgen: das abgrundtiefe Misstrauen gegen Obrigkeit und Macht sowie Menschen, die gerne „wir“ sagen, weil sie glauben, so hätten sie das Recht, für eine ganze Gruppe zu sprechen und seien alleinige Inhaber absoluter Wahrheiten. Individuelle Freiheit steht für Forman an erster Stelle.

In seinem ersten weltweiten Triumph „Einer flog über das Kuckucksnest“, für den er seinen ersten Oscar bekommt, exerziert Forman das mustergültig vor. Der Film ist eine Parabel auf die systematische Unterdrückung der Menschlichkeit durch seelenlose Apparatschiks, die im höheren Auftrag Anordnungen exekutieren. Als Insasse einer Irrenanstalt muss man dann irgendwann wirklich verrückt werden. Auch in „Amadeus“, Formans zweiter Oscar-Arbeit, steht das Streben des Einzelnen, sich gegen Normen und herrschaftliche Willkür zur Wehr zu setzten, im Vordergrund. Unterschwellig ist die Lebensgeschichte Mozarts auch ein außerordentlich wütender Film über das Geschmacksdiktat – denn das hält Forman für ein untrügliches Merkmal von Unfreiheit. Der Drang nach vermeintlich „sauberer“ und „wertvoller“ Kunst kann den ansonsten sehr freundlichen Böhmen in Wallung versetzen.

Wie sehr, das liest man an „Larry Flynt“ von 1996 ab, für den der Regisseur den Goldenen Bären der Berlinale erhält. Dass er einen Pornoverleger zum Helden macht, findet er selbst schlüssig. „Die Nazis und später dann die Kommunisten haben immer als erstes gegen Pornografie und Perversität gewettert. Das klingt gut. Aber plötzlich ist dann auch Jesus ein Perverser und Shakespeare und Hemingway.“ Wer Freiheit will, muss halt etwas aushalten, meint Forman. „Stellen Sie sich vor, Sie sind ein wildes Tier. Im Dschungel ist es gefährlich, klar. Im Zoo sind Sie sicher, müssen sich keine Gedanken um das Futter machen und können sorglos in den Tag leben. Aber im Dschungel, da sind Sie frei, dafür müssen Sie Risiken in Kauf nehmen“.

Gewagt hat der Filmemacher einiges und dafür spektakuläre Flops hinnehmen müssen, nicht zuletzt bei seinem Lieblingsprojekt, der Verfilmung des Hippiemusicals „Hair“. Am vergangenen Freitag ist der passionierte Fahrradfahrer, Menschenfreund und hinreißende Geschichtenerzähler Milos Forman im Alter von 86 Jahren gestorben. Er hat die Nazis überlebt, die Kommunisten und die Filmindustrie – das alleine ist eine mehr als beeindruckende Lebensleistung dieses großartigen Trotzkopfs.

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