Quart am Wind

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Abgefahrene Musik an einem abgefahrenen Ort erklang beim Themenkonzert der Bayerischen Staatsoper. foto: Wilfried Hösl

Als Vorgeschmack auf die neue Oper „South Pole“ spielen Musiker des Staatsorchesters im BMW-Versuchskanal. von maximilian maier.

Schon der Weg zum Aerodynamik-Windkanal der BMW Group ist ein bissl gruselig, besonders, wenn ein nasskaltes Wetter das Seine dazu tut. Vorbei geht es an der Polizeiinspektion 47, die nichts von der vorgegaukelten Sedlmayr-Gemütlichkeit der Nummer eins ausstrahlt. Naja, Fernsehen halt... Auch die schmucklosen Büro-Flachbauten lässt man links, respektive rechts liegen, ständig im Sichtfeld diverser Überwachungskameras, ehe man am Eingang an der Max-Diamand-Straße ankommt, dort, wo die Bayerische Staatsoper ihr Themenkonzert im Vorfeld zu „South Pole“ angesetzt hat – zur Opern-Neuschöpfung des Komponisten Miroslav Srnka also, die am 31. Januar im Nationaltheater Premiere hat.

Hunde müssen auch bei BMW draußen bleiben, zumindest das gibt einem als regelmäßiger Theaterbesucher ein vertrautes Gefühl. Dann betritt man eine imposante Eingangshalle. Klar, hier müssen ja auch die im Windkanal zu testenden Autos hineingefahren werden. Dann rauf in den ersten Stock, dort ist alles hoch gesichert, weil top secret. An den Smartphones werden gewissenhaft die Kameras mit roten Stickern verklebt, damit von der innovativen Technik nichts nach außen dringt.

Sonst gibt es aber auch gewohntes: Getränke- und Snackverkauf nebst einer improvisierten Garderobe. Hier kommt es zur Gewissensfrage. Wintermantel abgeben oder nicht? Wie kalt wird es denn? So richtig ist noch nicht klar, was auf einen zukommt. Dann aber steht man mitten im Windkanal, eine schmucke Rennsemmel des Staatsopern-Sponsors inklusive. Sehr hoch ist die Halle, an beiden Längsseiten befinden sich hinter Glasscheiben Computer und Messgeräte. Eine coole Mischung aus James Bond und Raumschiff Enterprise. Dann ertönt das erste Mal Musik, es ist ja immerhin ein Konzert: „Tre Pezzi“ für Solohorn von Milan Slavicky, dem wichtigsten Lehrer Miroslav Srnkas.

Die Töne von Casey Rippon, Hornistin im Bayerischen Staatsorchester, machen sich gut im überakustischen, leicht halligen Windkanal. Wie in einer Kirche klingt es, aber dumpfer. Ein bisschen kommt einem das „Walisch“ aus dem Zeichentrickfilm „Findet Nemo“ in den Sinn, also die dort gepflegte Sprache der Wale. Im Schlusssatz hat das Werk auch etwas von einem Nebelhorn. Wie Casey Rippon oben auf der Galerie das komplizierte Stück hochvirtuos spielt und unten im weiten Rund die Zuhörer andächtig lauschen, das hat doch etwas Skurriles in diesem Raum, wie eine Episode aus einem Helmut-Dietl-Film nach dem Motto: Hochkultur in der Schwimmhalle. Aber genau darin liegt ja der Reiz.

Nach Slavickys Opus sorgt Markus Klapper von Max-Planck-Institut in Mainz für weitere Impulse. Der Chemiker spricht über Materialforschung und wie man dadurch effizienter, ressourcenschonender und nachhaltiger Technologien voranbringen kann. „Damit man in 50 Jahren nicht ganz einfach mit dem Auto zum Südpol fahren kann“, scherzt er. Wenn Klapper referiert, fühlt man sich einerseits erschrocken an die eigene Schulzeit erinnert (von wegen, man braucht Anode, Kathode und dieses Zeug nie mehr), andererseits hat man das beruhigende Gefühl: Gut, dass sich intelligente Leute auch mit handfesten, das praktische Leben unmittelbar betreffende Dingen beschäftigen. Nach dem Vortrag geht es weiter durch die gigantische Turbine hindurch, die den Kanal mit dem namensgebenden Wind versorgt.

Sechs Jahre hat es von der ersten Planung bis zur Fertigstellung 2009 gedauert und 170 Millionen Euro gekostet. Konzertsaal-Dimensionen also. Dafür schafft die Turbine auch Windgeschwindigkeiten von maximal 300 Stundenkilometern, damit die Autos aerodynamisch ideal angepasst werden können. Im Anschluss daran erstreckt sich wieder ein Riesenraum, rundlich gebogen. Eigentlich ein stylischer Party-Ort. Es ist kühl, die Akustik ist hier etwas trockener als im ersten Raum. So kommen die Werke von Bohuslav Martinů, Philippe Manoury, Ivan Fedele und Matyas Seiber toll zur Wirkung. Die Mitglieder des Staatsorchesters präsentieren sie, häufig sind es sogar Solostücke, ebenfalls auf höchstem Niveau. Beeindruckend.

Stellvertretend sei Johannes Dengler genannt. Er ist erst der zweite Hornist überhaupt, der sich öffentlich an Miroslav Srnkas „Coronae für Horn Solo“ wagt, das dieser zum Andenken an seinen Lehrer Slavicky komponiert hat. Hals-, besser gesagt Lippen- und Zungenbrecherisch ist das, Dengler spielt stellenweise sogar, vermutlich durch Obertöne, mit sich selbst im Duett. Ein Hauch von Alphörnern im Windkanal. Abgefahrene Musik an einem angefahrenen Ort.

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