INNSBRUCK RISKIERT RICHARD WAGNERS „RIENZI“ – WAS SICH VOR ALLEM MUSIKALISCH AUSZAHLT

Die Quadratur des Führers

von Markus Thiel „Man kann den Dingen den ersten Anstoß geben“, sagte der Kaiser, „doch dann tragen sie dich davon.“ Als ob am Geist des Aufruhrs, einmal aus der Flasche gelassen, nicht schon andere zugrunde gegangen wären.

Napoleon I. bekam seine Ahnung selbst zu spüren. Und Kollegen mit ähnlichem Karriereverlauf gibt’s zuhauf, Untergangslust inklusive. Richard Wagners Rienzi, den Lieblingsopernhelden des diesem fatal ähnlichen Hitler, mit dem Monarchen von eigenen Gnaden zu überblenden: So fern liegt das also gar nicht, auch wenn dabei die Zeitenfolge durcheinander gerät.

Doch statt Beschwörung des alten Rom sucht Regisseur Johannes Reitmeier ohnehin das Naheliegende, nämlich Kontinuitäten, Ähnlichkeiten, quasi genetische Parallelen hochgejubelter, dann gefallener Nationalhelden. Auch wenn noch niemand die siebenstündige Urfassung von Wagners dritter Oper gespielt hat: Das Trumm bedeutet den Ausnahmezustand für jede Bühne, dito fürs Tiroler Landestheater. Der inszenierende Intendant bleibt da ganz in der Tradition seiner Vorgängerin Brigitte Fassbaender. Die beschied einst, „Elefantenopern“ kämen ihr nicht ins Innsbrucker Haus – um dann doch etwa mit Berlioz’ „Les Troyens“ nach der Schwergewichtsklasse zu schielen.

Reitmeiers Rienzi ist ganz ungehobelter Partisanenkämpfer aus einem undefinierten Heute (Kostüme: Antje Adamson), der sich am Ruhm besäuft und in Napoleons Kaisermantel hineinträumt, um am Ende mit Schwester Irene auf sich selbst zurückgeworfen zu werden. Einsam bis autistisch, so sagt der Abend, sind Herrscher immer, ob auf dem Thron oder im Untergang. Bis auf die napoleonische Überblendung wird das schnickschnackfrei erzählt auf Thomas Dörflers klug erdachter Bühne: drei moderne Versionen mittelalterlicher Geschlechtertürme, die mal zum Freiplatz, mal zum Innenraum, am Ende zur per Video entflammten Palastwand gruppiert werden können.

Dass Wagner mit Holzschnitt-Dramaturgie operierte, sieht man. Das liegt weniger an den gefrorenen Tableaus (die Chöre des Landestheaters laufen zu großer Form auf), sondern an der fehlenden Schärfung der Charaktere. Ob gewollt oder nicht: Oft tänzelt die Aufführung an der Parodie entlang. Statt das Pathos, mit dem Wagner seine germanische Variante der Grand Opéra aufplustert, zu entlarven, zu brechen, bleibt es beim Nachbuchstabieren in modernistischer Verkleidung inklusive „R2“-Wappen auf Rednerpult und Flaggen: die Quadratur des Führers?

Viel Stereotypes gibt es also zu sehen, auch in den Begegnungen der Figuren. Marc Heller zieht sein Rampensingen gnadenlos durch. Immerhin muss Innsbruck froh sein, einen Tenor zu haben, der sich an die Monsterpartie traut. Der US-Amerikaner tut das mit ausgestellten Krafttönen, viel Kondition, aber wenig Fein- und Textarbeit. Dafür lässt Josefine Weber ihre Irene im Silberjubel erstrahlen. Jennifer Maines glückt als Adriano das Porträt mit der größten Intensität – auch, weil sie ihren Mezzo an Grenzen treibt, das Unbedingte, Getriebene der Figur hörens- und sehenswert macht.

Ein Coup gelingt im Graben. Lukas Beikircher, von der Deutschen Oper am Rhein an den Inn ausgeliehen, meidet alles Krachende. Für Wagners verkantete Musik bringt er genügend Schmierstoffe mit. Und auf einmal ist da vom Tiroler Symphonieorchester eine Eleganz und Balance zu hören, die dem Stück wirklich etwas Französisches gibt. Dass manche Striche wirken, als hüpfe der Tonabnehmer auf der Platte ein paar Rillen weiter – geschenkt. Innsbruck riskiert „Rienzi“: Vor allem musikalisch hat sich das ausgezahlt.

Nächste Aufführungen

am 27. Mai sowie 3., 10., 17. und 23. Juni; Telefon 0043/ 512/ 52 07 44.

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