Putin verstehen

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Imagekorrektur: Michael Renz’ Film bietet einen ungewöhnlichen Blick auf Wladimir Putin. Foto: afp

dokumentation . ZDF zeigt ein kritisches Porträt des russischen Präsidenten anhand von Schlüsselmomenten seines Lebens.

Von Johanna Popp

Es war nicht leicht für Filmautor Michael Renz, für seine Dokumentation über Wladimir Putin hochkarätige Interviewpartner zu bekommen: „Gerade bei Leuten aus dem ehemaligen Geheimdienstmilieu, die uns fest zugesagt hatten, erlebten wir es mehrmals, dass diese dann plötzlich ins Krankenhaus mussten, dort aber nie aufgetaucht sind.“ Einer habe auch direkt gesagt, dass er unter Druck gesetzt worden sei. So mussten nicht nur Interviews gestrichen werden, auch in Aussicht gestellte wichtige Unterlagen konnten plötzlich doch nicht beschafft werden.

Jetzt könnte man sagen: Vielleicht sind ja diese Schwierigkeiten der Grund dafür, dass es in „Mensch Putin!“, zu sehen heute um 20.15 Uhr im ZDF, gar nicht so viel Neues über den russischen Präsidenten zu erfahren gibt. Dann würde man dem Autor aber Unrecht tun, der durchaus interessante Gesprächspartner für den Film gewinnen konnte, etwa den Philosophen Alexander Dugin, der schon mal als Putins „Chefideologe“ bezeichnet wurde, oder Nina Chruschtschowa, Politologin und Enkelin von Nikita Chruschtschow. Renz und sein Team haben interessant und kompakt die wichtigsten Stationen in Putins Leben in 45 Minuten zuzammengefasst.

Die Dokumentation nimmt durchaus vieles auf, was schon über Putin bekannt ist – sein exzessives Sportprogramm, seinen Beraterzirkel aus Geschäftsleuten und Judopartnern, sein Weltbild, in dem nur der Stärkste gewinnt. Michael Renz, der 2014 mit seiner Dokumentation über den Kampfeinsatz der Bundeswehr in Afghanistan für den Grimme-Preis nominiert wurde, verknüpft die Charakteristika des heutigen Staatschefs jedoch mit Informationen über Putins Kindheit und, vor allem, über seine Zeit in Dresden.

Putin habe im vergangenen Jahr so sehr im Rampenlicht des öffentlichen Interesses gestanden wie kaum ein anderer europäischer Politiker, und so wolle er beleuchten, wer dieser Mensch eigentlich sei, erläutert Renz, „nicht in einer klassischen Biografie, sondern in einem Psychogramm, das die Wendepunkte in Putins Leben herausarbeitet“.

Der erste war das Ende der Sowjetunion. Putin war 1989 als 37-jähriger Oberstleutnant des Geheimdienstes KGB in Dresden stationiert und bekam die Demonstrationen der DDR-Bürger und die Wiedervereinigung Deutschlands hautnah mit. Als er 1990 nach Russland zurückkehrte, war für ihn eine Welt zusammengebrochen. Trotzdem machte er Karriere und brachte es schließlich im Jahr 1999 zum Ministerpräsidenten. Der zweite Wendepunkt.

Neben der Konzentration auf Schlüsselmomente versucht der Film vor allem, das Image des russischen Präsidenten zu korrigieren, das dieser selbst so pflegt: das des beherrschten, disziplinierten, kühl kalkulierenden Staatsmannes. Stattdessen zeichnet Renz das Bild eines notorischen Langschläfers, der absichtlich unpünktlich zu Treffen mit Staatsoberhäuptern kommt und aus Schusseligkeit damals in Dresden – hierauf wird ausführlich Bezug genommen – sogar einmal den Schlüssel zum KGB-Büro verlor.

Das Fazit des Films lautet: „Putin verstehen – das heißt vor allem, Risiken und Gefahren im neuen Russland richtig einschätzen.“ Kann man den „lupenreinen Demokraten“ (Altbundeskanzler Gerhard Schröder) denn nach diesem Film besser verstehen? Vielleicht ein bisschen. Soweit das bei einem Mann möglich ist, der sogar seinen engsten Vertrauten verschwiegen haben soll, was er mit der Krim vorhat.

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