JEAN GENETS GESCHWÄTZIGE GROTESKE „DER BALKON“ SORGT IM MARSTALL DES RESIDENZTHEATERS FÜR EINIGE DURSTSTRECKEN

Puffmutter unseres Vertrauens

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Eigentliche Sensation des Abends sind Schauspieler wie Cynthia Micas (li.) und Juliane Köhler. foto: konrad fersterer

PREMIERENKRITIK . Von Alexander Altmann.

Bei Madame Irma geht’s heiß her: In ihrem Nobelbordell treten die Damen naturgemäß mit Strapsen, Hot Pants, Netzstrümpfen auf. Und weil Mathilde Bundschuh, Cynthia Micas sowie die großartige Juliane Köhler als Puffmutter unseres Vertrauens ihre Körper in solchen Outfits ausführlich der Bewunderung preisgeben, musste Bühnenbildner Aleksandar Denić notgedrungen für symbolischen Temperaturausgleich sorgen. Also hat er eine Riesenwand aus Kühlschränken und Getränkeautomaten errichtet, die sich später gar zum Hakenkreuz formieren. „Spezi – Da ist Saft drin“, steht als Werbespruch auf einem der Kühlgeräte.

Phasenweise gilt das auch für diese Inszenierung von Jean Genets Puff-Groteske „Der Balkon“ im Marstall des Münchner Residenztheaters – die aber mit dreieinhalb Stunden überflüssig lang geriet und darum viele Durststrecken aufweist. Dabei geht’s eigentlich ganz spritzig los. Oder zumindest hübsch pervers. Denn Madame Irmas Etablissement ist spezialisiert auf Kunden, die gern in Rollenspielen Machthaber mimen: Der eine gibt im Kirchen-Ornat den Bischof, der einer leicht bekleideten Sünderin die Beichte abnimmt. Der andere fällt in Richterrobe das Urteil über eine Angeklagte, und der Dritte verkleidet sich als ordenbehangener General, der einem Mädel („du Pferd!“) die Sporen gibt.

Im Hintergrund sind manchmal Explosionen und MG-Feuer zu hören, denn in der Stadt tobt ein Volksaufstand, die Königin, Richter, Bischöfe wurden von den Revoluzzern getötet. Darum wenden die Mächtigen Trick 17 an: Sie lassen Madame Irma als Königin und die drei Bordellkunden in den Kostümen als Bischof, Richter, General auf den Balkon vor das Volk treten, das folglich glaubt, die staatliche Ordnung sei noch in Kraft, woraufhin die Revolution zusammenbricht. Merke: Der Staat ist auch nur ein Puff, das heißt, ein großes Theater, wo es um äußeren Schein und gespielte Rollen geht.

Dass in Ivica Buljans Inszenierung der Rhythmus von Anfang an arg holpert, mag der Versuch sein, das Castorff’sche Zerfransungs-theater zu imitieren. Trotzdem tut es dem Abend genauso wenig gut wie die Textfrömmigkeit des kroatischen Regisseurs, der dem Stück durch den Verzicht auf Kürzungen einen Bärendienst erweist. So wird erkennbar, wie viel Metaphernschwulst, Geschwätzigkeit und kandiertes Existenzialistenpathos in Genets Text steckt. Die legendäre Komödie über Spiele der Macht und die Macht des Spiels steht nun plötzlich entzaubert da und gibt zudem ihre wacklige Überkonstruiertheit zu erkennen.

Die eigentliche Sensation des Abends sind dafür die Schauspieler, die mit vollem physischen und psychischen Einsatz bis an ihre Schmerzgrenze gehen (und an die des Publikums): Tim Werths macht sich, nur mit Unterhose bekleidet, bedrohlich realistisch zum Affen, der grunzend über die Sitzlehnen ins Publikum turnt. Und Marko Mandić als Revolutionsführer zwängt sich gleich ganz nackert durch die Zuschauerreihen, bis er das Publikum ins Freie vor das Theater bittet, wo man sich um ein brennendes Ölfass versammelt. Schon flitzt Mandić bei minus vier Grad splitternackt über den beschneiten Platz, klettert die Wand des Marstalls hinauf und singt dabei auf Slowenisch die „Internationale“, während droben auf dem „Balkon“ die Königin mit den Stützen der Gesellschaft posiert. Für dieses frostige Spektakel gab’s am Ende warmen Applaus.

Nächste Aufführungen

am 27. Februar sowie am 3., 7. und 25. März;

Telefon: 089/ 2185-1940.

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