Puccinis Tagesschau

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Als Glücksgriff entpuppte sich Elena Stikhina in der Titelrolle, hier mit Mario Zhang (Cavaradossi). foto: nicole richter

„Tosca“ auf Gut Immling bietet Eindringliches und zeitlos Gültiges über Macht und Machtmissbrauch. von tobias hell.

Politische Intrigen, polizeiliche Willkür und Unterdrückung durch ein totalitäres System, das seine Kritiker mit Gewalt zum Schweigen bringt: altbekannte Themen, die leider auch heute immer noch unsere Nachrichten beherrschen. Da kommt es also nicht von ungefähr, dass sich bei der Eröffnungspremiere des Opernfestivals auf Gut Immling mit Giacomo Puccinis „Tosca“ manche Assoziation mit aktuell kursierenden Schlagzeilen einstellt. Karsten Bohn inszenierte hier eine zeitlos gültige Parabel über Macht und Machtmissbrauch, deren eindringliche Botschaft am Ende absolut unmissverständlich bleibt.

Ebenso schlicht wie zweckmäßig präsentiert sich dazu die Bühne von Claus Hipp, die mit wenigen Versatzstücken unterschiedliche Schauplätze andeuten. Die stilvollen Kostüme von Bettina Richter beschwören dagegen subtil die Zeit des italienischen Faschismus herauf. Baron Scarpia wird dabei gleich eine ganze Schar von Handlangern zur Seite gestellt, die sich eifrig in sadistisch brutalen Quälereien übt und willig für ihren Herrn und Meister die Drecksarbeit erledigen. Selbst die Hände schmutzig macht sich der Polizeichef in diesem Opernkrimi nämlich nur selten und offenbart dem Zuschauer seine wahre Gefährlichkeit erst auf den zweiten Blick.

Das hängt auch ein Stück weit damit zusammen, dass es dem schlank geführten Bariton von Vladimír Chmelo vor allem für das wuchtige Finale des ersten Aktes ein wenig an Durchschlagskraft mangelt. Wenn hier der stimmgewaltige Immlinger Festspielchor in einer eindrucksvoll arrangierten Prozession durch die Zuschauerreihen einzieht und sich das zuvor über der Szene schwebende Kreuz langsam von der Decke senkt, droht er mehr als einmal in den Wogen des „Te Deums“ unterzugehen und kann die ihm zugedachte zentrale Position nur schwer behaupten. Besser auszuspielen vermag Chmelo seine Stärken beim perfiden Katz- und Maus-Spiel, in dem Scarpia die von ihm begehrte Tosca im zweiten Akt um das Leben Cavaradossis flehen lässt und er sich mit düsteren Blicken ein knisterndes Duell mit Elena Stikhina liefern darf.

Die junge Russin feiert einen glänzenden Einstand und entpuppt sich als Glücksgriff. Elegant im bodenlangen schwarzen Abendkleid über die Bühne schwebend, bringt sie nicht nur optisch die gerade für diese Rolle so unabdingbare Starqualität mit. Außerdem überzeugt sie durch die Strahlkraft und Wärme ihres Soprans, dessen metallischer Kern bereits deutlich in dramatischere Richtungen weist. Lediglich im „Vissi d’arte“ ist diese Tosca zu sehr Diva und zelebriert mit ausladenden Gebärden den heftig bejubelten Ohrwurm, ehe sie sich wieder auf die Rettung des Geliebten besinnt.

Tenor Mario Zhang – in Immling ein guter alter Bekannter – gibt einen soliden, darstellerisch etwas hölzernen Cavaradossi, der seine Widersacher mit kraftvollen „Vittoria“-Rufen herausfordert, in Erwartung der baldigen Hinrichtung aber in „E lucevan le stelle“ auch um filigranere Noten bemüht ist. Dies ganz im Sinne von Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock, die am Pult der hochmotivierten Münchner Symphoniker ohne plakative Gesten auskommt, das Werk nicht nur als effekthaschenden Verismo-Schocker versteht, sondern die menschlichen Schicksale herausarbeitet und Puccinis Partitur damit erdet.

Weitere Vorstellungen

bis 6. August;

Telefon 08055/ 903 40.

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