DIRIGENT CHRISTIAN THIELEMANN ERZÄHLT BEI DEN SALZBURGER OSTERFESTSPIELEN NEUES ÜBER „TOSCA“

Nur Puccinis Musik wurde die Ehre erwiesen

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Tod dem Vergewaltiger: Anja Harteros als Tosca und Ludovic Tézier als Scarpia. Foto: Barbara Gindl/ APA/ dpa

Von Maximilian Maier. Giacomo Puccinis „Tosca“ ist eine sichere Nummer.

Herrliche, zugängliche Musik, eine schlüssige Dramaturgie, starke Figuren: Das Stück läuft eigentlich von selbst und ist im Prinzip nicht kaputt zu kriegen. Doch bedeutet das auch, dass alles auserzählt ist? Dass es nichts Neues mehr zu erleben gibt? Christian Thielemann beweist bei den Salzburger Osterfestspielen eindrucksvoll das Gegenteil. Durch sich nie im Klein-Klein verlierende Detailverliebtheit macht er das hörbar, was im Repertoirebetrieb häufig verloren geht. Puccini muss nicht zwangsläufig veristisch aufgeladen und musikalisch dick sein.

Schon in den ersten Minuten fächert Thielemann mit „seiner“ Dresdner Staatskapelle die ganze Klangpalette auf – und macht hellhörig: Holzbläser und Harfe gibt es nicht nur in den Solostellen, die ansonsten in massiven Streicher- und Blechwogen untergehen. Thielemann nimmt sie als elementare Bestandteile des klanglichen Ausdrucks ernst. So bekommt Puccini impressionistische Züge, ohne kitschig zu sein. Aus der Instrumentaleinleitung zum dritten Akt macht Thielemann ein symphonisches Kabinettstück und über weite Strecken trägt er die Sänger im aufgrund seiner Größe undankbaren Salzburger Festspielhaus auf Händen. Was alles nicht heißt, dass er andernorts nicht gewaltig hinlangt. Krachend rollen die Trommelwirbel im Finale, gewaltig strahlt das Blech am Ende des Te Deum.

Im zweiten Akt reizt Thielemann die Lautstärke etwas zu sehr aus. So, als wolle er um jeden Preis das Drama im Graben schaffen, das szenisch auf der Bühne ausbleibt. Regisseur Michael Sturminger schafft es nicht, den Figuren überzeugend Profil zu verleihen, und er versucht krampfhaft, dem Stück neuen Seiten abzugewinnen. Der Möchtegern-Schocker zu Beginn, wenn mit Blaulichtuntermalung eine Parkhausschießerei stattfindet, verpufft. Die so zentrale Allgegenwart der Kirche spiegelt sich in einer Indoktrinierung von Kindern wieder, die als Malschüler durch die Kirche geschleust oder in katholischen Jugendcamps dazu abgerichtet werden, politische Gefangene wie Cavaradossi zu erschießen.

Zum Te Deum zieht die Prozession im komischen Wiegeschritt, Scarpia hält unmotiviert eine Ministrantin fest. Der Salzburger Bachchor (Einstudierung: Alois Glaßner) singt von der Hinterbühne. Dass jedoch der Glaube der Protagonisten, gerade der Scarpias, wichtig ist und dem Stück zusätzliche Dramatik verleiht, entgeht Sturminger. Auch wenn sich ständig bekreuzigt wird. Scarpia wirkt mit biederem Zweireiher und schlohweißem Haar nicht wie der Mann, vor dem ganz Rom zittert, eher wie der von der Hamburg-Mannheimer. Er radelt fleißig auf dem Trimmrad, um vielleicht körperlich Tosca doch noch rumzukriegen. Ihr Foto steht auf seinem Tisch, sie ist wohl die Einzige, die er je wollte. So ist es wenigstens schlüssig,  dass er sich sterbend noch auf die Engelsburg schleppt, um Tosca zu erschießen und sich von ihr erschießen zu lassen. Kein perverser Dämon, sondern ein verzweifelt Verliebter.

Das mag als Idee nett sein, schwächt aber das Stück. Wobei es zu Darstellung und Stimme des großartigen Stilisten Ludovic Tézier gut passt. Angst hat man keine vor seinem Scarpia, aber er singt ihn auf nobler Linie, sucht die Zwischentöne dieser Partie und hat zugleich immer genügend Reserven für die Ausbrüche. Der Cavaradossi von Aleksandrs Antonenko bleibt szenisch farblos, woran er wohl nur eine Teilschuld hat. Mit wetterfestem Stentortenor und sicheren Höhen fährt er die Versimo-Schiene, die sich nicht so recht in Thielemanns Lesart einfügen will.

Ganz anders Anja Harteros. Die ersten Töne des „Vissi d’arte“ schweben im Raum, immer wieder sucht sie das Lyrische, Innige und kommt doch mit blühenden Höhen mühelos über das Orchester, auch wenn Thielemann dem Affen mal Zucker gibt. Dass man ihre Gestaltung einer selbstbewussten, undivenhaften Tosca selbst in einzelnen Gesten aus München schon kennt, spricht auch nicht für den Regisseur. Der hat für Salzburg eine Inszenierung geschaffen, die dank des klugen und eindrucksvollen Bühnenbilds (Renate Martin, Andreas Donhauser) repertoiretauglich und für wechselnde Besetzungen ohne Probenaufwand umsetzbar wäre. Für zwei Vorstellungen bei einem sündteuren Festival ist das zu wenig.

Nächste Vorstellung

am 2. April; Karten und weiteres Programm unter: www. osterfestspiele-salzburg.at.

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