ZU SEINEM MORGIGEN 70. GEBURTSTAG BESCHENKT KONSTANTIN WECKER SICH UND SEINE FANS MIT NEUEN INTERPRETATIONEN SEINER ALTEN HITS

Die professionelle Nervensäge

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Heute wird hineingefeiert: Konstantin Wecker gibt eines von fünf Konzerten im Circus Krone. foto: Ursula düren/ dpa

von zoran gojic. Womöglich würde es ihn gar nicht stören, den Konstantin Wecker, wenn man ihn als professionelle Nervensäge bezeichnen würde.

Denn über bald fünf Jahrzehnte sieht er das nun schon als seine Aufgabe an: Dinge ansprechen, über die man lieber schweigen würde. Dagegen sein aus Prinzip und mitunter auch penetrant, wenn es sein muss. Genau genommen ist Wecker, der morgen seinen 70. Geburtstag feiert, erst richtig bekannt geworden 1974, als er die Moritat über den „Willy“ hinausschrie, der für seine Zivilcourage büßen muss.

Seine Lieder seien ihm immer nur passiert, behauptet Wecker. Und gesungen würden sie halt, weil sie da seien, nicht um jemandem zu gefallen, wie er einmal getextet hat. Ein ziemlich umfangreiches und auch heterogenes Werk ist da im Lauf der Zeit zusammengekommen – oder passiert, wie Wecker wohl sagen würde. Zu seinem Ehrentag hat sich Wecker selbst einen Wunsch erfüllt und seine persönlichen Favoriten noch einmal eingespielt. Mit Unterstützung des Kammerorchesters der Bayerischen Philharmonie und mithilfe von namhaften Weggefährten, versteht sich. Wenn schon, dann richtig, so war das immer beim Wecker, dem maßlosen Berserker.

„Poesie und Widerstand“ heißt die Doppel-CD mit 30 Liedern, und das Ergebnis überrascht. Weil manches Berühmte fehlt, vor allem aber weil die Lieder in den Neuinterpretationen leiser, nuancierter und trotz meist minimalistischer Arrangements auch vielschichtiger klingen als die Originale. Es hat den Liedern außerordentlich gut getan. Wahrscheinlich auch eine Folge der Entscheidung, die Songs live einzuspielen, also ohne nachträgliche Korrekturen. So erscheint ein sattsam bekannter Titel wie „Was passierte in den Jahren“ urplötzlich wie ein ganz neues Lied, lebendig, zeitgemäß. Unverkennbar ist das immer noch echter Wecker, und doch klingt alles nach jemandem, den man bisher so nicht kannte. Wecker und seine Mitstreiter gehen den Werkkatalog ebenso furcht- wie rücksichtslos durch, das traut sich nicht jeder Künstler. Das ungezügelte Pathos, die gelegentlich leicht selbstgerechte Attitüde ist weg. Der Mann, der früher manisch alles um sich herum in Grund und Boden spielte, eröffnet sich selbst neue Möglichkeiten und lässt seinen Kompositionen Luft zum Atmen. Das zeugt von Demut und Selbstvertrauen gleichermaßen.

Sich selbst so rigoros auf Rost abzuklopfen, erfordert Mut und die Bereitschaft, vieles neu, anders anzugehen. Und es zeugt von der Einsicht, dass nicht jeder Einfall, der einem seinerzeit genial erschien, auch wirklich genial gewesen sein muss. Aber die alten Fans müssen sich keine Sorgen machen: Konstantin Wecker ist trotz allem so geblieben, wie er eben ist. Und so wird er sein heutiges Konzert im Circus Krone dazu nutzen, in seinen Geburtstag hineinzufeiern. Die berühmt-berüchtigten Endlos-Zugaben bis nach Mitternacht bleiben uns also erhalten. Und die unvergesslichen Live-Momente auch. Wie zum Beispiel dieser: Ende der Achtzigerjahre sollte Wecker im Englischen Garten auftreten, als ein alttestamentarischer Platzregen alles wegzuschwemmen drohte. Reaktion des Stars: rausgehen auf die Bühne und spielen. Und zwar „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“.

Informationen:

Konzerte im Münchner Circus Krone heute, 1. und 2. Juni sowie am 19. und 21. Juli (Telefon 089/ 54 81 81 81);

aktuelle CD: „Poesie und Widerstand“, erschienen bei Sturm & Klang.

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