Pop-Dschihadisten aus Dinslaken

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Albert Ostermaier machte die Schilderung des libanesischen Flüchtlingslagers Zahlé zum Kern seines Romans. Foto: Marcus Schlaf

Neuerscheinung und Lesung  . Der Münchner Schriftsteller Albert Ostermaier hat mit „Lenz im Libanon“ eine neue Ebene in seinem Werk erreicht.

VON SABINE DULTZ

Michel Houellebecqs jüngster Roman „Unterwerfung“ hat darum so aufregenden Erfolg, weil er von einer möglichen nahen Zukunft erzählt, von dem, was den Europäern unter den Nägeln brennt, nämlich vom Einfluss islamistischer Machthaber an den Schalthebeln Frankreichs. Und er erzählt davon, wie schnell und widerstandslos sich die intellektuelle Elite ins neue gesellschaftliche Sein fügt. Ähnlich verhält es sich mit dem neuen Roman des Münchner Schriftstellers Albert Ostermaier (47), „Lenz im Libanon“. Er ist von gleicher aufrüttelnder Aktualität. Er ist so packend, weil sich der Autor den tatsächlichen Themen unserer Zeit stellt, weil er sich politisch und moralisch vorwagt auf vermintes Terrain, weil sein Schreiben von jenem Mut zeugt, um den wir die Schriftsteller seit jeher verehren.

„Was bleibt aber, stiften die Dichter“, heißt es bei Hölderlin, aus dessen Werk Ostermaier auch gerne zitiert. Und mit einer tiefen schriftstellerischen Verneigung vor den Genies des frühen 19. Jahrhunderts, insbesondere vor Georg Büchner, dessen Novelle „Lenz“ um den Sturm-und-Drang-Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz quasi Pate stand für den aktuellen Roman, koppelt der Münchner sein jüngstes Werk eng an die Büchner’sche Vorlage und den politischen Furor des  jugendlichen Dichters des Vormärz.  Das  ist von großer Raffinesse und geradezu sprachlicher Wollust. Auch Ostermaiers Held heißt Lenz.

Er flieht aus seinem bürgerlichen Zuhause, vor seinem fordernden Vater, vor seiner mit einem Groß-Schriftsteller verheirateten Geliebten, vor den Feuilletons der Zeitungen und ihren Kritikern, vor Kreativitätskrise und quälender Schreibblockade. Lenz fliegt nach Beirut. Von einer glatten, eindeutigen, satten Gesellschaft in das undurchschaubare, schillernde, hungrige Leben im noch immer kriegsversehrten Libanon: Samir, ein libanesischer Fotojournalist, der sich Lenz bereits im Flieger als sein Freund andient und ihn nicht mehr aus den Klauen lässt; Kassir, ein geheimnisvoller Insider libanesischer Regierungsgeschäfte und sicherer Führer durch den Wildwuchs von Diplomatie und Nachtleben; die Schönste aller Frauen, die mit der klassischen islamischen Liebesgeschichte von Leila und Madschnun in das oberste Stockwerk einer Hochhausruine lockt; der spürbare Krieg im nahen Syrien; die immer präsente Terrorgefahr; die „Pop-Dschihadisten aus Paderborn und Dinslaken“; und dazu Lenz’ ganz private Trauer um die ungelebte Liebe daheim in München – das alles treibt den Deutschland-Flüchtling fast in den Wahnsinn. „Als spielten die Götter Roulette.“ Was ist Traum, was Wirklichkeit?

Zeitweise verliert Lenz die Kontrolle und findet nur schwer in die verwirrende Realität zurück. Klarheit für eine Weile kehrt erst wieder ein, als er, eingeschmuggelt in eine Regierungskolonne, im Schlepptau des deutschen Außenministers und seiner Diplomaten das Flüchtlingslager Zahlé nahe der syrischen Grenze besucht. Hier bekommt der Roman plötzlich eine andere, eine fast dokumentarische Authentizität. Unschwer ist zu erkennen, dass mit dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier gemeint ist, der im Mai 2014, zu einer Zeit, da auch Ostermaier sich dort aufhielt, den Libanon und dieses Lager besucht hat. Die Begegnung wird für Lenz und vermutlich für Ostermaier selbst zur existenziellen Erfahrung, und der Bericht darüber gerät zum Höhepunkt des Romans.

Der Blick auf die Opfer des islamistischen Terrors, die Kinder, die Frauen, die Alten in diesem Lager, macht die Gedanken frei für die Täter, für die jugendlichen Gotteskrieger, die auch aus Deutschland kommen, die dem werbenden Aufruf nicht widerstehen konnten, ihre Familien, diese „verrottete Gesellschaft“ zu verlassen. Angesichts des Flüchtlingselends begreift Lenz „das erste Mal etwas, er verstand, dass jeder Einzelne eine Geschichte hat, die erzählt werden muss, die es wert ist, erzählt zu werden“. Und die doch vielleicht schon immer erzählt wurde, auch im deutschen Sagenschatz: „Von überall her kamen die Kinder, weil sie die Flöte gehört haben, und immer noch war sie überall zu hören. Ein unhörbarer Ton, ein überall hörbarer Ton…“ Ein Ton, dem nicht nur junge Männer folgen, auch Mädchen. In das Land, „wo die jungen Männer direkt aus dem Laufsteg der Hochglanzblätter stammen, den Sprengstoff gegürtet, die Gewehre umgehängt wie Fahrradtaschen, Katzen streichelnd mit Kalaschnikow“. In das Land, wo die „anderen gleichaltrigen Mädchen in Serie vergewaltigt werden von den gleichen bärtigen Jünglingen, die dafür ihre Kinder zu Hause verließen“.

Lenz fliegt wieder heim nach Deutschland. Beim Blick auf Beirut aus der Luft kommt ihm Georg Büchner in den Sinn – „die Erde war wie ein goldener Pokal, über den schäumend die Goldwellen des Monds liefen“. Er kehrt als ein anderer zurück. Und, literarisch betrachtet, gilt das wohl auch für Albert Ostermaier. Ein neuer Ton in seinem schriftstellerischen Werk, einer, der einen nicht loslässt und der diesen Autor bewundernswert heraushebt aus dem Heer der Befindlichkeitsliteraten hierzulande.

Albert Ostermaier:

„Lenz im Libanon“. Suhrkamp, 190 S.; 19,95 Euro. Am 3. Mai, 20 Uhr, wird der Roman im Marstall vorgestellt; Tobias Moretti liest. Telefon 089/ 2185 1940.

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