Pomp und Politik

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Viele Tränen, reichlich Liebesbekundungen, ein Moderator in Unterhose – und trotz all dem auch hochpolitisch. So eine Mischung gelingt nur bei den Oscars in Hollywood.

Viele Tränen, reichlich Liebesbekundungen, ein Moderator in Unterhose – und trotz all dem auch hochpolitisch. So eine Mischung gelingt nur bei den Oscars in Hollywood.

von katja kraft

Der erste Satz ist eine Punktlandung. Was danach kommt, leider – fad. Nein, Neil Patrick Harris erfüllt die hohen Erwartungen an ihn nicht. Auf den Star der TV-Serie „How I Met Your Mother“ ist eigentlich Verlass, wenn es um gelungene Showmoderationen geht. Am Sonntagabend (Ortszeit) in Los Angeles aber wirkte er als Conférencier seltsam nervös. Während Showmasterin Ellen DeGeneres vergangenes Jahr herrlich frech ihre Späße mit den eitlen Damen und Herren im Publikum trieb, blödelt Harris zu gewollt provokant.

Doch sein erster Satz, der hat es in sich: „Tonight we honour Hollywood’s best and whitest, äh brightest“ („Heute ehren wir Hollywoods Weißeste, äh Strahlendste.“). Eine hübsche Anspielung auf die Kritik, die in den vergangenen Wochen auf die Academy niederprasselte: Denn alle Oscar-Nominierungen für männliche und weibliche Darsteller in Haupt- und Nebenrollen gingen an weiße Künstler. Gleiches gilt für die fünf nominierten Regisseure.

Tatsächlich ist diese Veranstaltung, die auf „political correctness“ setzt, in Wahrheit in vielen Punkten eine ziemlich heuchlerische Angelegenheit. Besser als mit folgender Szene kann man es kaum beschreiben: „Selma“, jene filmische Verneigung vor Bürgerrechtler Martin Luther King (aktuell in den deutschen Kinos), war zwar in entscheidenden Kategorien nicht nominiert (so hätte es eine Nominierung für die beste männliche Hauptrolle und die beste Regie geben müssen), wird als kleine Wiedergutmachung aber immerhin für den besten Song geehrt. Als John Legend und Common „Glory“ interpretieren, gibt’s Standing Ovations der weißen Gesellschaft – und Schauspieler Chris Pine drückt sich theatralisch ein paar Tränen raus. Die werden freilich nicht weggewischt, er lässt sie kullern – und die Kamera hält genüsslich drauf. Zelebriertes Mitgefühl und Toleranz á la Hollywood.

Ein Glück, dass das Legend und Common so nicht stehen lassen. So leicht kommt ihnen die Filmakademie nicht davon: Ihre Dankesrede gerät zur Standpauke. „Es sind heute mehr Schwarze unter Kontrolle der Justiz als zu Zeiten der Sklaverei 1850. Leute, die zu unserem Lied marschieren, sollen wissen, wir sind bei euch. Marschiert weiter!“

Auch der Absahner des Abends wählt deutliche Worte: Der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu, der mit „Birdman“ (aktuell in den deutschen Kinos) vier Oscars gewinnt, widmet seinen Preis den jungen Immigranten der USA: „Ich bete dafür, dass sie mit derselben Würde und demselben Respekt behandelt werden wie diejenigen, die vor ihnen kamen und diese unglaubliche Einwanderer-Nation aufgebaut haben.“

Große Überraschungen gibt es an diesem dahinplätschernden Abend nicht. Nur einer wird besonders enttäuscht nach Hause gegangen sein, weil es nicht so kam, wie er erhoffte. Michael Keaton, Hauptdarsteller in „Birdman“, wirkt siegessicher. Wann immer die Kamera auf den aus der Versenkung auferstandenen Schauspieler schwenkt, kaut der lässig Kaugummi und grinst ins Bild. Das Rennen macht dann aber – völlig zu Recht – ein anderer: Der entzückende Eddie Redmayne, der in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ (aktuell in den deutschen Kinos) Physiker Stephen Hawking so brillant verkörpert, dass er mit seinen 33 Jahren und dem Buben-Gesicht selbst bekannte Größen wie Keaton oder Benedict Cumberbatch aussticht. Redmayne kann es kaum fassen – und verspricht in einer erfrischend natürlichen Dankesrede, die goldene Oscar-Statue täglich zu polieren.

Das wird sicher auch Patricia Arquette tun, die als einziges Ensemblemitglied von „Boyhood“ (bereits als DVD erhältlich) ausgezeichnet wird. Schade, dass dieser Film nicht für seinen Mut, ein Experiment zu wagen, belohnt wurde. Auf dass sich Regisseur Linklater davon nicht bremsen lässt, weiter innovativ zu sein. Denn wie bringt es Sieger Iñárritu auf den Punkt? „Wahre Kunst kann man nicht vergleichen; den Wert unserer Arbeit wird erst die Zeit zeigen.“

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