KONZERTKRITIKEN

Persönlichkeitsspaltung

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Mü. Kammerorchester,

Prinzregententheater

Es wäre übertrieben, Robert Schumann im Programm des vierten Abonnementkonzerts des Münchener Kammerorchesters zu viel Aufmerksamkeit zu schenken. „Ouvertüre, Scherzo und Finale E-Dur op. 52“ ist harmlos; interessanter die Interpretation von Clemens Schuldt. Der Dirigent versteht es, Stimmungsschwankungen herauszuarbeiten. Leichtfüßige Passagen nimmt er mit Verve, Schwelgerisches mit Pathos und Komplexes mit Liebe zum Detail. Doch er bietet auch Ungewohntes. Mit gleich zwei neuen Werken ein Abonnentenpublikum im ausverkauften Prinzregententheater zu Bravi zu animieren, gehört nicht zum Alltag des klassischen Musiklebens.

Dem Jahresmotto „Wandern“ gemäß holt Fabio Nieder Schubert-Lieder aus der Mottenkiste. Ein Plattenspieler produziert mit ordentlich Patina eine verrauschte Interpretation von „Das Wandern ist des Müllers Lust“. Nach einem billigen Kratz-Effekt bricht die Übertragung ab, und setzt das geteilte Orchester mit einem Orgelpunkt ein, über dem Michael Nagy zunächst nur Wortfragmente platziert. Im Verlauf der Komposition schwillt der Bariton „Dem Doppelgänger in memoriam“ zu schizophrener Größe an. Die Kommunikation zwischen Körper- und Kopfstimme, der Kontrast seines warmen Bass-Timbres zum schwebenden Falsett, ist eine mitreißende Demonstration musikalischer Persönlichkeitsspaltung. Auch in George Benjamins „Into the little Hill“ sind die Sängerinnen das Ereignis, denn Sarah Aristidou und Helena Rasker füllen viele Rollen aus: Mutter und Kind, Minister und Volksmenge. Die Altistin überzeugt mit ironischer Herbheit, die Sopranistin mit diabolischer Singfreude. Gemeinsam üben sie sich in einem irisierenden Zwiegesang, der Benjamins lyrischer Rattenfänger-Fabel eine politische Note gibt: Musik ist eine Verführerin der Massen. Anna Schürmer

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