ZUR FESTWOCHE STELLT DAS STAATSBALLETT MIT „PORTRAIT WAYNE MCGREGOR“ EINEN CHOREOGRAFEN VOR, DER AUCH DROHNEN NUTZT

Der nüchterne Berserker

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Gespräch zur Premiere . Von Malve Gradinger.

Achtung, ein Nerd beim Bayerischen Staatsballett! Der 48-jährige Wayne McGregor ist mit seiner Random Dance Company international unterwegs, außerdem seit 2006 Haus-choreograf des Londoner Royal Ballet. Aber der Brite mit der Widerstandskraft seiner schottischen Wurzeln wirkt auch noch in seinem eigenen Silicon Valley: Er steht in ständigem Austausch mit Schriftstellern, Komponisten, Software-Ingenieuren und Neurowissenschaftlern und ist Forschungsmitglied der kognitionswissenschaftlichen Fakultät der Universität Cambridge. Genetik und Robotik spielen in sein Tanzschaffen hinein. Zum ersten Mal ist seine Handschrift nun in München zu erleben: „Portrait Wayne McGregor“ eröffnet morgen die Staatsballett-Festwoche im Nationaltheater mit drei Stücken.

„Sunyata“ – der Titel benennt den buddhistischen Begriff der Leere und Vergänglichkeit – ist eine Kreation zur Komposition „Circle Map“ der zeitgenössischen finnischen Komponistin Kaija Saariaho. Das 2014 vom Ballett Zürich uraufgeführte „Kairos“ zu Max Richters Bearbeitung von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ scheint die griechische Bezeichnung für den schicksalhaft sich eröffnenden „günstigen Augenblick“ in Tanz fassen zu wollen. „Borderlands“, 2013 fürs San Francisco Ballet entworfen, ist inspiriert von den „Grenzbereichen“, den Übergängen in den Farbflächenbildern des Bauhaus-Künstlers Josef Albers. So weit klingt das alles recht abstrakt. „Es gibt sehr wohl eine Bedeutung, wenn auch keine narrative“, argumentiert McGregor. „Bei einem Bild von Agnes Martin (1912-2004, wird dem abstrakten Expressionismus zugerechnet; Anm. d. Red.) bin ich mehr berührt als bei einem Rembrandt.“ Genauso provoziere auch abstrakter Tanz chemische Reaktionen im Körper, die als Freude, Irritation, auf jeden Fall als ein Gefühl empfunden würden.

McGregor forscht medizinisch hinein in den Körper, misst Adrenalinstatus und Herzfrequenz der Tänzer. Und er setzt ihnen den Raum verändernde Prismenbrillen auf, die zu ungewöhnlichen Bewegungen führen. Und das alles im Dienst des choreografischen Prozesses? McGregor lacht beschwichtigend: „Choreografieren und Hirnforschung sind grundsätzlich zwei parallele Interessengebiete. Wobei beide sich tatsächlich gegenseitig vorwärtsbringen können.“ McGregor steht auf und demonstriert einen vorwärtsmarschierenden Roboter. „Wenn jetzt ein Hindernis im Weg ist“, erklärt er, „kann der Roboter erst mal nicht ausweichen – aber der Mensch kann.“ Man lernt: Einsichten in die komplexe Hirntätigkeit, die dem Menschen Steuerungsfähigkeiten verleiht, dienen der Weiterentwicklung der Robotik.

Umgekehrt ist künstliche Intelligenz auch ein Weg, so McGregor, „kognitive und körperliche Gewohnheiten zu überwinden“. Will heißen, die sich so leicht einschleichende Bewegungsroutine auszutricksen. Vorreiter war darin der große Postmoderne Merce Cunningham, der Schritte durch Zufallsstrategien kombinierte: zunächst durch Auswürfeln, später per Computer-Programm. Auf den Spuren des weitergetriebenen digitalen Fortschritts lässt McGregor seine Tänzer mit Drohnen improvisierend interagieren. Tanz ist hier schon fast Sci-Fi-Kunst. Irgendwie beruhigend, dass das „Mastermind“, wie McGregor genannt wird, als Knirps durch Country Dancing und den Hollywoodfilm „Saturday Night Fever“ aus dem Jahr 1977 für den Tanz entflammte. Sehr überlegt studierte er dann Choreografie und Semiotik, die Lehre von Zeichensystemen wie Bilderschriften, Formeln und Gestik. Zu unserer Überraschung nutzt er auch ganz altmodisch analoge Mittel zur Bereicherung seines Vokabulars. „Ich habe eine enge Verbindung zur Vergangenheit, zu Rudolf von Laban und Kurt Jooss. Das über 20 Jahre reichende Jooss-Archiv analysiere ich auf Bewegung“, erzählt er. Und zeigt auf seinem Smartphone eine Villa, „von William Lescaze in den Dreißigerjahren im Bauhausstil entworfen“, mitten im Park der berühmten reformpädagogischen Dartington Hall School in Devon. Jooss habe dort gewohnt während seines englischen Exils.

Nach einer Renovierung mit dem Dartington Trust ist es nun McGregors Heim, offensichtlich die richtige Oase für den vielfach Beschäftigten: Er hat sein eigenes Tanzstudio, wohl das modernste und geräumigste in London, natürlich nicht nur für Training, sondern auch für gemeinsame kreative Recherche von Tänzern, Künstlern und Wissenschaftlern. McGregor ist außerdem Professor am Trinity Laban Konservatorium für Musik und Tanz, choreografiert für Theater, Oper und Film, für Musikvideos und Modeschauen oder organisiert mal eben einen Mega-Tanz mit 1000 Darstellern für das London Festival. Die Liste seiner Auszeichnungen ist Feuilleton-sprengend.

Wie er das alles schafft? Er raucht nicht, trinkt nicht, ernährt sich vegan. Und wer einmal seine Energie, sein Sprechtempo erlebt hat (dazu auf Youtube das Video „Wayne McGregor TED Talks“ anklicken), erkennt einen in nüchternem Rausch arbeitenden Berserker.

Informationen:

Premiere ist morgen um 19.30 Uhr im Münchner Nationaltheater, weitere Vorstellungen am 15. und 28. April, am 11., 18. Mai, am 12., 23. Juni sowie am 10. Juli; Telefon 089/ 2185 1920.

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