DAS ERSTE MÜNCHNER HIDALGO-FESTIVAL BIETET VON MORGEN BIS 13. SEPTEMBER KONZERT-PROJEKTE AN UNGEWÖHNLICHEN ORTEN

Die neuen bösen Lieder

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Beim Barte des Solisten: Bariton Ludwig Mittelhammer legt sich im Barber House an der Fraunhoferstraße schon mal flach – es ist am 9. September sein Auftrittsort. foto: Maximilian riemer

von maximilian maier. Versteckt liegt es, das „Bahnwärter Thiel“.

Direkt an den Bahnlinien, hinter der abgerissenen Häuserfront des Münchner Schlachthofs, wo jetzt tiefe Krater in der Erde klaffen, Bagger alles wegräumen und irgendwann das Volkstheater hinkommen wird. Rund um die Kulturstätte am ehemaligen Viehbahnhof – ein Mix aus Bühne, Club und Gastronomie – stapeln sich Container, steht ein ausrangierter U-Bahn-Waggon, prangen unzählige Graffiti.

„Ein Stück Berlin in München“, schwärmt Schauspielerin Theresa Weihmayr. Das „Bahnwärter Thiel“ ist einer von fünf Orten, an denen von morgen bis 13. September erstmals das Hidalgo-Klassikfestival stattfinden wird. Die Idee dazu hatte Tom Wilmersdörffer schon im Sommer 2016: „In München gibt es viele tolle Locations, die im Alltag junger Menschen eine große Rolle spielen, an denen klassische Musik aber überhaupt nicht stattfindet.“ Da wird jetzt Abhilfe geschaffen.

Weitere Orte, die Hidalgo nutzt, sind der Szene-Club „Harry Klein“, ein Barber-Shop, das Einstein Kultur und – zugegeben weniger ungewöhnlich – der Max-Joseph-Saal der Residenz. Eine organisatorische Großleistung im ausgebuchten München. Das Team von Hidalgo besteht aus rund 20 jungen Leuten, die alle in ihrem Bereich Profis sind, in diesem Falle aber ehrenamtlich arbeiten. Neben den Künstlern gibt es einen Juristen, Dramaturgen, Spezialisten für Licht, Design, Presse, Technik und viele mehr. „Eigentlich sind wir mittlerweile ein Theater ohne Haus“, meint Wilmersdörffer schmunzelnd.

Alle arbeiten aus Lust an einer Idee, die dem Lied wieder zu neuer Geltung verhelfen will. Die Gattung hat es schwer, das ist kein Geheimnis. Das hat viele Gründe: die starke Verinnerlichung, die Begrifflichkeiten, das Artifizielle – alles Dinge, die heute nur bedingt in Mode sind. Hidalgo begegnet dem, indem es Zyklen wie Schumanns „Frauenliebe und -leben“, Schuberts „Schwanengesang“ und andere Lieder mit aktuellen Kunstformen anreichert. Zum Beispiel mit Poetry-Slammern, Schauspielern, Videoinstallationen oder neuer Musik. Dies sorgt einerseits für Aktualisierung, andererseits auch für Deutung. Denn das Lied hat im Gegensatz zur Oper keine Inszenierung, die dies übernehmen könnte. Wie gut das funktionieren kann, wird schon in der Probe im „Bahnwärter Thiel“ deutlich. Theresa Weihmayr spricht moderne Texte, die das Frauenbild von Schumann beziehungsweise Adelbert von Chamisso, dem Dichter von „Frauenliebe und -leben“, reflektieren. Prompt nimmt man das Lied anders wahr, stellt sich ein viel direkterer Bezug her. Der Zyklus bekommt eine neue Relevanz.

Welche weiteren Gründe gibt es für das Nischendasein des Liedes? In den vergangenen Jahrzehnten habe in der Literatur und in der klassischen Musik viel Dekon- struktion stattgefunden, meint Wilmersdörffer. Das habe zur intellektuellen Weiterentwicklung beigetragen. Häufig sei aber von der Ästhetik wenig übrig geblieben. Gerade die sei doch zentraler Anknüpfungspunkt vor allem für Nicht-Fachleute. Auch die Trennung von E und U, von „Ernstem und Unterhaltung“ sieht Wilmersdörffer kritisch. „Wir sollten die popkulturellen Strömungen aufnehmen, ohne den Wesenskern der klassischen Musik oder Literatur zu verlieren. Das ist die große Herausforderung.“

Für den studierten Sänger aus München steht die künstlerische Qualität über allem. Das merkt man auch an den Mitwirkenden des Festivals. Nicht umsonst hat kein Geringerer als Christian Gerhaher die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen. „Die alten, bösen Lieder“, ein Zitat aus der „Dichterliebe“, sind eine Art Motto des diesjährigen Festivals. Das klingt provokant, soll es sicher auch sein und den Willen, ja die Notwendigkeit aufzeigen, eine neue Auseinandersetzung mit dem Lied zu entfachen.

„Der existierende Kanon ist ja hervorragend, der muss gehegt und gepflegt werden“, unterstreicht Wilmersdörffer. Dennoch sei das Ziel, auch neue Lieder zu schaffen. Und zwar mit zeitgemäßen Mitteln. Also eine multidimensionale Zusammenarbeit, bei der sich Dichter, Komponist und Regisseur zusammenfinden. Ein großes Vorhaben. Simple Lösungen kann ja jeder, die gab es vielleicht in der Vermittlung von klassischer Musik schon zu viele. Das Festival verspricht: „Hidalgo 2018 wird keine leichte Kost – aber extrem spannend!“ Vielleicht ja genau deshalb.

Informationen:

www.hidalgofestival.de.

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