IN IHREM SIEBTEN BRUNETTI-KRIMI ERSCHÜTTERT DONNA LEON UNSER SCHWARZ-WEIß-DENKEN: TÄTER UND OPFER KÖNNEN IDENTISCH SEIN

Im Nebel der Serenissima

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Donna Leon

Von Simone Dattenberger. Venedig im November.

Mitten auf dem Canal Grande gerät Brunetti, der im Vaporetto unterwegs ist, in eine undurchdringliche Nebelwand. Die Serenissima ist verschwunden. Totale Orientierungslosigkeit, Unsicherheit. Wen oder was wird das Schiff rammen? Wird es sinken? Dann zerreißt die Sonne das feuchte Nichts. Die Schönheit der Lagunenstadt, die Realität sind wieder da. Aber der Einheimische und wir Leser von Donna Leons Kriminalromanen wissen längst, dass diese Schönheit beinahe nur noch ein Traum, dafür umso stärker ein merkantiler Albtraum ist – und die Wirklichkeit ein fragiles Konstrukt. In „Heimliche Versuchung – Commissario Brunettis siebenundzwanzigster Fall“ stolpert der Venezianer selbst in einen Nebel, den seine Vorurteile um sein Urteilsvermögen wabern lassen.

Die US-amerikanische Schriftstellerin (Foto: Maurizio Gambarini/ dpa), die in der Schweiz und – nicht mehr gern – in Venedig lebt, hat den Kriminaler mit einem untrüglichen Instinkt ausgestattet. Dieses Mal freilich lässt sie ihn massiv fehlgehen, denn Leon liegt eine vielschichtige ethische Diskussion am Herzen. Sie soll unser Schwarz-Weiß-Denken erschüttern und unter anderem aufzeigen, dass Täter und Opfer öfters dieselben sein können. Natürlich werden all diese Überlegungen in das uns vertraute Ambiente eingebettet, das dem Leser das angenehme Gefühl einer kuscheligen Sicherheit gibt. Da ist die nette Familie Brunetti, und Paola kocht immer noch toll. Da ist die Computer-gewiefte Elettra, die nur ein bisschen nervös wird wegen des intriganten Tenente Scarpa. Da sind die Kollegen Griffoni und Vianello, auf die der Commissario vertrauen kann.

Ins Rollen kommt die „Heimliche Versuchung“, als Professoressa Crosera, wie Brunettis Frau an der Uni tätig, zu ihm in die Questura kommt. Sie fragt verlegen nach, was gegen den Drogenhandel an der Schule ihres Sohnes getan werden kann. Handfeste Informationen liefert sie nicht. Der Polizist stochert anstandshalber ein wenig in diesem Nebel herum, bis der Mann der Hochschullehrerin schwerstverletzt am Fuße einer der Treppenbrücken über einen Kanal in der Nähe seiner Wohnung gefunden wird. Tullio Gasparini wird wohl nie mehr zu Bewusstsein kommen. Eindrucksvoll schildert Donna Leon den Schmerz und die Verzweiflungsphasen von dessen Frau. Und die menschliche Wärme, die ihr Brunetti und seine Kollegin Griffoni spenden.

Klug baut die Autorin diesen Kontrast zu einer Welt auf, die auf Egozentrik, Ausbeutung von Mensch, Institutionen und Natur setzt. Zu diesem Selbstsucht-System gehören nicht nur der Dealer und der verbrecherische Apotheker, sondern auch die Staatsorgane und -personen, die ausgerechnet den Staat selbst, Italien, aushöhlen, die Venedig zerstören und ihre eigene Lebensgrundlage. Donna Leon lässt Brunetti und sein Team ein feinmaschiges Betrugsnetz entwirren – als Teil eines allgemeinen moralischen Niedergangs. Zugleich verhindert sie, dass wir leichtfertig über andere urteilen.

Donna Leon:

„Heimliche Versuchung – Commissario Brunettis siebenundzwanzigster Fall“. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz.

Diogenes Verlag, Zürich, 328 Seiten; 24 Euro.

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